Bildung gegen Armut

Lesen und Alltagsmathematik, Umgang mit dem Computer: Es gibt Menschen in der Schweiz, denen diese grundlegenden Kompetenzen fehlen. Wie ist das möglich?

forum: Wer bei uns in die Schule geht, sollte doch Lesen und Schreiben können.
Talitha Schärli Petersson: Unser Bildungssystem ist international renommiert, trotzdem haben veralteten statistischen Schätzungen zufolge 800 000 Erwachsene in der Schweiz eine Lese- und Schreibschwäche. Andere können keine Rechenaufgaben lösen oder nicht mit dem Computer umgehen. Diese Menschen laufen Gefahr, ihren Job zu verlieren, oder sind schon arbeitslos.

Sind Lehrpersonen und Eltern zu wenig aufmerksam?
Das würde ich nicht sagen. Es gibt in der Volksschule eine breite Unterstützungspalette für fremdsprachige Kinder oder bei Legasthenie, der Lese- und Schreibschwäche. Weniger gut erkannt wird Dyskalkulie, die Rechenschwäche, die wie Legasthenie nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun hat. Personen im heutigen Erwachsenenalter konnten vielleicht diese Schwächen kompensieren oder ihr Problem verstecken. Sie wurden vermutlich aufgrund ihrer Beeinträchtigungen in einen schwächeren Leistungszug eingestuft und wählten eine Lehre, die keine lese-, rechen- oder schreiblastigen Aufgaben voraussetzten.

Talitha Schärli Petersson ist Projektleiterin «Bildungschancen von Jugendlichen und Erwachsenen» im Nationalen Programm gegen Armut, das seit 2014 bis 2018 läuft. Die Politologin hat auch sozialwissenschaftliche Vorlesungen besucht und den berufsbegleitenden Master in Berufsbildung absolviert.

Talitha Schärli Petersson ist Projektleiterin «Bildungschancen von Jugendlichen und Erwachsenen» im Nationalen Programm gegen Armut, das seit 2014 bis 2018 läuft. Die Politologin hat auch sozialwissenschaftliche Vorlesungen besucht und den berufsbegleitenden Master in Berufsbildung absolviert. Foto: Oliver Sittel

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Wann wird das Problem unausweichlich?
Die Papierlast nimmt auch in handwerklichen und sozialen Berufen zu. Computerkenntnisse werden überall verlangt. Menschen mit mangelnden Grundkompetenzen führen vielleicht nach Abschluss der Lehre und Laufbahn innerhalb eines Betriebs sogar ein eigenes Geschäft – merken dann aber, dass sie anstehen. Wird in so einem Moment nicht mit einer Nachholbildung Abhilfe geschaffen, droht der Verlust ihres Arbeitsplatzes oder ihrer Unternehmertätigkeit, im schlimmsten Fall auch Armut.

Kann man diese Schwächen überwinden?
Wer die eigene Schwäche erkennt und einen Kurs besucht, der gezielt das Problem angeht, hat gute Chancen. Wichtig ist die Information über solche Angebote. Niemand legt seine Schwächen gern offen hin. Es muss bekannter werden, dass das nichts mit Dummheit zu tun hat und es auch im Erwachsenenalter noch möglich ist, Grundkompetenzen zu erwerben. Zudem gäbe es Hilfsmittel.
Menschen mit Schreibschwächen sollten beispielsweise nicht von Hand Rapporte schreiben müssen, sondern mit dem Computer. In anderen Ländern werden besondere Programme für Lernende und Berufstätige mit Schreibschwächen angeboten: zum Beispiel Wortbehandlungs- und Rechtschreibeprogramme, Spracherkennungs- oder Wortvorhersageprogramme für mündliche Sprache (siehe www.verband-dyslexie.ch › lernsoftware).

Was tut das «Nationale Programm gegen Armut»?
Das Programm kümmert sich nicht nur um Chancengerechtigkeit in der Bildungsintegration Jugendlicher und Erwachsener, sondern auch um soziale und berufliche Integration, Familienarmut, Wohnen und den Zugang Armutsbetroffener zu Informationen. Es will die Wirkung bestehender Präventions- und Bekämpfungsmassnahmen von Gemeinden, Städten, Kantonen und privaten Akteuren verstärken, sie besser miteinander vernetzen und ihnen Informationen zugänglich machen. Wo Erkenntnisse fehlen, stösst das Programm Studien an, wo Erkenntnisse vorhanden sind, setzt es diese in Leitlinien und Handlungsmöglichkeiten um.

Aber die Kantone, Städte und Gemeinden entscheiden selber, ob sie Geld dafür ausgeben oder nicht…
Ja, es wurde zwar vor kurzem als Ergebnis unseres Programms anlässlich der Nationalen Konferenz gegen Armut vom 22. November 2016 eine «Gemeinsame Erklärung gegen Armut» verabschiedet. Bund, Kantone, Städte und Gemeinden haben sich darin verpflichtet, 2018 über die Umsetzung der vom Nationalen Programm gegen Armut erarbeiteten Leitfäden und Empfehlungen im Bereich der Armutsprävention Bericht zu erstatten.

Was fehlt in der Armutsbekämpfung?
Oft gibt es Hilfsangebote, aber die Betroffenen wissen nicht oder zu wenig, dass es diese gibt. Deshalb haben wir eine Studie angeregt, die niederschwellige Anlaufstellen, die verschiedene Themenbereiche abdecken, untersucht hat. Ein gutes Beispiel dafür ist «Fribourg pour tous»: ein kleines Büro mitten in der Einkaufsmeile, mit viel Infomaterial über alle Angebote der Stadt für Armutsgefährdete und -betroffene, zur Weiterbildung, Beratung usw. Hier hat es auch Ansprechpersonen, die man anonym und unkompliziert fragen kann. Anhand solcher erfolgreicher Modelle hat unsere Studie Kriterien für Online-Informationen über Unterstützungs- und Beratungsangebote formuliert, um die Leute besser zu erreichen.

Was kann jeder von uns gegen Armut unternehmen?
Institutionelle Massnahmen sind nur wirksam, wenn Menschen aus dem Umfeld mithelfen. Das freiwillige Engagement von kirchlicher und zivilgesellschaftlicher Seite oder von Menschen, die in Hilfswerken wie der Caritas mitarbeiten, ist von unschätzbarem Wert. In der Nachbarschaft, in Vereinen oder über die Kinder zu anderen Eltern gibt es viele Kontakte.

Betroffene wollen aber oft nicht über ihre Probleme sprechen…
Es braucht eine vertrauensvolle Beziehung, so dass man sich getraut, offen zu sein… Im kirchlichen Umfeld ist das gut möglich, da hier viele Menschen miteinander in Kontakt kommen und es gute, niederschwellige Angebote gibt. Lehrmeister oder Chefs in KMU können bei mangelnden Grundkompetenzen die richtigen Tipps oder den Anstoss für eine Auseinandersetzung mit der Lese- oder Schreibschwäche geben. Grosse Vorbildfunktion haben Menschen wie André Reithebuch, der Mister Schweiz 2009. Er ist öffentlich zu seiner Lese- und Schreibschwäche gestanden und hat im Film «Boggsen» von Jürg Neuenschwander erzählt, wie er aus dieser schwierigen Situation herausgefunden hat.

Text: Beatrix Ledergerber-Baumer

Angebot laufend

Caritas-Woche 2017

Bildung gegen Armut

Am 28./29. Januar und 4./5. Februar begehen die Zürcher Pfarreien die «Caritas-Woche». Mit Bildungsangeboten engagiert sich das christliche Hilfswerk gegen Armut.

Im Projekt Copilot vermitteln freiwillige Begleitpersonen Eltern das nötige Wissen über unser Schulsystem, damit ihre Kinder in der Schule gut starten können. Das Patenschaftsprojekt «mit mir» vermittelt Kindern aus belasteten Familien freiwillig tätige Gotten und Göttis, die für sie da sind, ihnen Zugang zu kulturellen Anlässen ermöglichen und wo nötig schulische Unterstützung organisieren. LernLokal schafft für Menschen in schwierigen Situationen Zugang zu Bildung und ebnet damit den Weg in die Arbeitswelt.

pd

Angebot laufend

Zürich streicht Gelder

Seit 1. Januar 2017 ist das neue nationale Weiterbildungsgesetz in Kraft, das u. a. die Förderung von Grundkompetenzen regelt: Lesen, Schreiben, Alltagsmathematik und grundlegende IT-Kenntnisse. Im Rahmen von Sparmassnahmen hat jedoch der Zürcher Regierungsrat auf den 1. Januar 2017 sogar die bisherige Förderung in diesem Bereich ersatzlos gestrichen. Eine Arbeitsgruppe des Kantons soll nun die Umsetzung des neuen Gesetzes vorbereiten, doch eine Übergangslösung für Anbieter, deren Kurse wegen der Sparmassnahmen gestrichen wurden, konnte trotz Engagement der Weiterbildungs-Verbände nicht gefunden werden. Somit gibt es im Kanton Zürich trotz neuem Gesetz weniger Bildungsangebote für Armutsbetroffene als vorher.

bl