SOS Narrenschiff: Benehmt auch, ihr Ü50!

Als ich «erziehungsbereit» vor meinen Eltern lag, da standen sie kurz davor, 1968 aus purer Übermüdung zu verpassen.

Also wurde ich nicht im anti-autoritären Geist erzogen. Und so sind mir ein paar Anstandsregeln bis heute geblieben.

Man sagt zu einem Essen nicht gruusig. Man probiert als Gast von allem. Man stürzt sich nicht kopfüber aufs Buffet. Man lässt anderen den Vortritt. (Wenn diese sich unbedingt kopfüber stürzen wollen, ist das ihr Ding.) Man prahlt nicht. Man benimmt sich nicht rüpelhaft. Man übt sich in Bescheidenheit. Man sagt «bitte». Man hebt sich gewisse Ausdrücke für den ganz kleinen Rahmen auf. Und manche nicht einmal dafür. Man hinterlässt keine Sa… Unordnung. Man lügt nicht, wenn nach der Urheberschaft gefragt wird.

Meine Eltern wurden für den Anstand, den sie mir und meinen Brüdern beizubringen versuchten, von mancher Seite belächelt bis beschimpft. Wie konnten sie nur aus vier im Freigeist geborenen Kreativen verklemmte Zinnsoldaten machen. Militärisch hat es dann zwar keiner zu Ehren gebracht, irgendwann wurde uns allen die Untauglichkeit zum Manne attestiert. Auch mein Obrigkeitsglaube konnte mit meinem Unabhängigkeitsdrang nie Schritt halten. Und die Diskussionen mit meinem Vater waren so heftig, dass so mancher 68er ganz verschreckt auf Tauchstation ging. Als ich jedoch in einer argumentativen Notlage zum Vergleich meines Vaters mit einem Esel griff, da hat er mir rigoros die Grenzen aufgezeigt.

Obwohl ich nun allmählich ins Alter komme, in dem von mir Wehklagen über die verdorbene Jugend erwartet werden, blicke ich erstaunt und zunehmend erschüttert in eine ganz andere Richtung: zu gestandenen Politikern, Wirtschaftsführern und allerhand anderen Häuptlingen.

Die Generation 50+ erlaubt sich – mit oder ohne Twitter – Anstandslosigkeiten, die mir meine Eltern niemals durchgelassen hätten. Da wird verhöhnt, geprahlt, verunglimpft, verleumdet, gelogen und verbogen. Hauptsache, man fühlt sich dabei überlegen und als Bessererererwisser.
Wer sich gegen solche Unsitten wehrt, wird als «Gutmensch» lächerlich gemacht und mit einem «Ich sag’ nur, wie’s ist!» oder «Das muss man ja wohl noch sagen dürfen!» kaltgestellt.

Und schon kommt mir wieder so ein Merkspruch in den Sinn, den mir meine Mutter mit auf den Weg gegeben hat: «Sie sind nicht so dumm, wie sie reden, aber auch nicht so klug, wie sie meinen.

 

 

Text: Thomas Binotto