Stolperstein: «Finsternis»

Vordergründig scheint es in der Bibel klar zu sein: Finsternis ist nichts Positives.

Meist steht Finsternis als Bild für die Gottesferne. Die Finsternis soll als Gericht über Ägypten gekommen sein. Auch das Herz des Menschen ist finster, wenn er Schuld auf sich geladen hat.
Doch die Finsternis kommt nicht nur von aussen auf den Menschen zu oder ist in seinem Inneren. Es heisst im Alten Testament tatsächlich auch von Gott selbst, dass er sich in Finsternis hüllt und Mose in einer dunklen Wolke erscheint.

Da kann der Gedanke aufkommen, dass Jahwe eine Mischung aus Licht und Dunkel ist, dass er gute und schlechte Seiten in seinem Innersten vereint. Doch an einen solch monströsen Gott hat das Volk Israel zum Glück nie geglaubt.

Auf Gottes Herz bezogen war immer das zugrunde gelegt, was der erste Johannesbrief später in den wunderbaren Satz kleidet: «Gott ist nur Licht – in ihm herrscht keine Finsternis.»
Nicht Gott selbst ist also die Finsternis. Aber unser Erkennen ist getrübt durch die Begrenztheit des Menschseins. In Leid und Verzweiflung fühlen wir uns stärker mit der Rätselhaftigkeit und dem Geheimnis Gottes konfrontiert. Können wir verkraften, dass diese Wahrnehmung zum Dasein gehört?

Die Autorin Andrea Schwarz fasst einfühlsam in Worte, dass das Erleben der scheinbaren Finsternis Gottes kein Tabu sein sollte und nicht im Negativen bleiben muss. In ihrem Text «Dunkler Segen» betet sie: «Segne du uns, dunkler Gott, du, der sich geheimnisvoll unserem Begreifen entzieht, der sein Antlitz vor uns verbirgt, unsere Fragen mit Schweigen beantwortet. Segne uns, dunkler Gott, damit wir den Mut haben, das Dunkel in uns wahrzunehmen, dem eigenen Abgrund zu trauen, der Nacht zu glauben, uns auf den Grund zu gehen. Segne den Weg und bleibe dunkler treuer Wegbegleiter.»

Sie spricht im Vertrauen diesen Gott an, den wir in Finsternis erleben. Diese Art von göttlicher Finsternis ist nicht nur negativ, auch wenn sie schwer zu ertragen ist. Es ist Teil unseres Menschseins, dass wir noch nicht in das helle Licht Gottes gehen können, sondern erst die Abgründe durchleben müssen.

Der biblische Gott weiss um diese Not und begibt sich selbst in unsere Finsternis hinein. Und noch mehr: Er will sie verwandeln. Daher kann der Beter in Psalm 139 über Gott sagen: «Für dich ist auch das Dunkel nicht finster; die Nacht scheint so hell wie der Tag und die Finsternis so strahlend wie das Licht.»

Text: Michaele Madu, Pastoralassistentin Volketswil