«Kirche ist nur eine Krücke»

Sie ist poppig, sie wächst und polarisiert: die Freikirche International Christian Fellowship (ICF). Ein Rendezvous mit Gründer Leo Bigger (48) und seiner katholischen Vergangenheit.

Leo Bigger, wir sind hier in Räumen der Pfarrei Liebfrauen in Zürich. Die katholische Kirche war einst auch für Sie Heimat. Welche Erinnerungen an Ihre Kindheit in Buchs (SG) haben Sie?
Leo Bigger: Der Sonntag war immer ein Familienevent. Ausser meinem Vater pilgerte die ganze Familie in die Kirche, man redete, tauschte sich aus. Das gefiel mir. Die Kirche selbst faszinierte mich, seit ich ein kleines Kind war: wie man dort zusammen betete, sich geborgen fühlte. Es war immer ein tolles Gemeinschaftserlebnis.

Was hat Sie dabei nicht befriedigt?
Als Teenager merkte ich, wie sich der Musikstil auseinanderentwickelte: Hier der Hard-Rock, den ich und meine Kollegen hörten, dort die Orgel und kirchliche Gesänge. Ich war irgendwann der Einzige aus meiner Schule, der aus Überzeugung noch in die Kirche ging. In Götzis in Österreich, wenige Kilometer von Buchs, erlebte ich dann einmal einen katholischen Gottesdienst mit moderner Musik, einer kurzen Predigt und mit spontanen Gebeten zu Sorgen, die auch Schüler kannten. Die Kirche war voll!

Sie wollten dann auch so etwas aufbauen. Als Sie 18 waren, gingen Sie zum damaligen St. Galler Bischof Otmar Mäder und fragten ihn um Erlaubnis. Und blitzten ab.
Ja, aber es gab noch etwas davor, das mich aus der katholischen Kirche hinausführte: die Heiratsfrage.

«Wir sind so wie Radio Energy: Unsere Musik, unsere Redensart, unsere Themen zielen auf ein Durchschnittspublikum.»

«Wir sind so wie Radio Energy: Unsere Musik, unsere Redensart, unsere Themen zielen auf ein Durchschnittspublikum.» Foto: Christoph Wider

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Sie wollten also Priester werden?
Ja, das wäre ein Weg gewesen. So hätte ich wohl auch neue Gottesdienstformen einführen können. Aber keinen Sex zu haben, war für mich wirklich unvorstellbar, dafür war mein sexuelles Verlangen einfach zu stark. Es ist vielleicht hypothetisch, aber hätte ich heiraten können, wäre mein Weg in der katholischen Kirche wohl weitergegangen.

Dennoch wollten Sie sich weiter engagieren. War es verletzend, dass Sie beim Bischof mit Ihrer Idee nicht ankamen?
Es war ein Privileg, mit einem Bischof zu reden. Er erklärte mir auf väterliche Art, dass es nicht gehe, solche Jugend-Gottesdienste durchzuführen. Und dass es zwei Optionen gebe: Mich entweder in die Kirche einzugliedern oder parallel etwas Neues zu beginnen. Verletzend war das für mich nicht. Ich bin vom Typ her pragmatisch: Wenn der Bischof Nein sagt, dann akzeptiere ich das. 

Gar kein Abschiedsschmerz? 
Es war schon ein Challenge. Jedes Wochenende fragte ich mich: Warum bin ich der Einzige, der noch in die Kirche geht? Ich hatte auch noch gelernt, dass die katholische Kirche die einzig richtige sei. Ich rang monatelang mit der Frage. Aber irgendwann merkte ich, dass das für mich nicht stimmt und ich meinen eigenen Weg gehen muss. 

Gibt es etwas, was an Ihnen katholisch geblieben ist? 
Ja, sicher. Die Ehrfurcht vor Gott, dieser unverrückbare Glaube, der alle Katholiken verbindet. Mir gefällt auch der neue Papst, wie er mit den Leuten redet, sehr einladend, sehr gewinnend. Katholische Gottesdienste besuche ich zwar nur noch selten, aber die Rituale verstehe ich natürlich immer noch, die sind gigantisch tief.

Warum sind denn ICF-Gottesdienste so völlig anders? 
Wir haben auch Rituale: Die Lieder, Momente der Stille, eine Art Fürbitten. Natürlich gibt es in der katholischen Kirche mehr Liturgie. Das gefällt Leuten wie meiner Mutter besser, mir entspricht unsere Form mehr. Wir sind so wie Radio Energy: Unsere Musik, unsere Redensart, unsere Themen zielen auf ein Durchschnittspublikum. Wir sind eine Mainstream-Kirche. 

Das ICF meidet gemeinsame Events mit anderen Freikirchen oder ökumenische Feiern. Das wirkt so selbstgefällig und eigenbrötlerisch wie manchmal die katholische Kirche. 
In der Anfangszeit hatten wir das ein paar Mal. Das Resultat war, dass nur noch ein Drittel unserer Leute kamen. Bei gemeinsamen Gottesdiensten geht es oft um Kompromisse, die Orte sind neu, die Musik anders. Gemeinsame Events sind kein Gewinn für die Leute. Ein Christustag in Bern ist ein schönes Symbol für die Einheit der Kirche, aber was nützt das meinem Nachbarn, der deswegen am Sonntag zuhause bleibt? Ich konzentriere mich darauf, Kirche vor Ort für Leute vor Ort zu machen. Aber ich würde nie behaupten, dass wir die einzig richtige Kirche sind!

Freikirchler kennen oft eine heimliche Faszination für die katholische Welt. Nicht wenige nähern sich ihrer Liturgie und Tradition im Alter an. Sie werden bald 50…
Ich weiss, aber ich habe das nicht. Ich liebe einfach Neues, neue Lieder, neue Technologien. Ich bin vom Typ her nach vorne gerichtet. Genauso ist das ICF jung geblieben, in unserer Sprache, mit dem Nutzen von Social Media, mit allem. Das gefällt auch vielen mittelalterlichen Menschen wie mir.

Sie wirken manchmal hyperaktiv wie ein Duracell-Häschen. Haben Sie nie das Bedürfnis, sich die Stille, in ein Kloster, zurückzuziehen, um wieder aufzutanken?
Nein, ich bin der aktive Typ, ich blühe auf in Aktivitäten. Meine Frau ist dagegen eher der Typ Klosterfrau, sie liebt die Stille, auch die Liturgie. Das hat mich sicher auch angezogen an ihr, dass sie da ganz anders ist als ich. 

Was halten Sie eigentlich von katholischen Weltjugendtagen oder Adoray-Gottesdiensten? Ist das nicht genau das, was das ICF auch tut? Kirche mit moderner Musik, mit viel Gefühl, charismatischen Predigern und traditioneller Lehre. 
Ja, das ist genau das, was ich schon in Götzis sah. Oder auch 1984 in Einsiedeln, als der Papst zu Besuch war. Auch da gab es eine moderne Rockband auf der Bühne, der Papst redete frei und herzlich zu den Jugendlichen. Mir liefen die Tränen runter. Daran sieht man: Das ICF macht heute nichts anderes als die katholische Kirche auch.

Sind Sie je als Prediger angefragt worden für einen katholischen Weltjugendtag?
Eben nicht (schmunzelt). Eben nicht. Es ist nicht so, dass ich dauernd darauf warte, aber ich wäre sicher kein schlechter Redner für einen Weltjugendtag. Ich wäre wohl schon ein lebendiges, erfrischendes Element.

Ist das Reformationsjubiläum für Sie eigentlich ein Grund zum Feiern oder bedauern Sie die Kirchenspaltung? 
Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Kirche verändert sich immer. Auch das ICF ist nicht die Lösung. Es wird eine Generation kommen, die anders denkt, anders redet, anders schreibt, auch für die muss Kirche wieder neu übersetzt werden. Alle Kirchen sind in Gefahr, in Strukturen stecken zu bleiben. Aber Kirche ist nur eine Krücke!

Das sieht man in Rom anders: Die katholische Kirche versteht sich als ein gottgewollter Ort des Heils.
So verstehe ich das nicht. Wenn ich höre, die katholische Kirche repräsentiere Gott, sie sei der Ursprung des Glaubens, diese Kirche mit all ihren Fehlern, mit all ihrer Schuld, dann denke ich nur: Krass, dann lieber nicht!

Text: Remo Wiegand, freier Journalist

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Kommentar

ICF als anerkannte Freikirche stellt im Positiven kritische Herausforderungen an die Landeskirchen. Sie bietet den Glauben als emotionales Erlebnis, was dem Bedürfnis Jugendlicher sehr entgegenkommt. Im
Weiteren ist es möglich, im ICF ein starkes Gemeinschaftsgefühl zu bekommen – das Gefühl dazuzugehören. Nicht zu vergessen ist aber v. a. ihre grosse Begeisterung für Jesus Christus, welches oft in normalen Pfarreien vermisst oder gar tabuisiert wird. Nicht zuletzt wirkt die coole, hippe Aufmachung der Celebrations ästhetisch sehr attraktiv.

Kritische Punkte lassen sich bezüglich der Tiefe und der Nachhaltigkeit dieser Form des Glaubens anmerken. Die Wirklichkeit Gottes ist oft ein unerklärliches Geheimnis, das sich nicht in klaren, eindeutigen Aussagen beschreiben lässt oder durch simple Aussagen, die man in den ICF Celebrations erleben kann. Zudem scheint mir dabei eine kritische Bibellektüre nicht erwünscht zu sein und für die komplexe Realität werden oft simple Lösungen geboten, die zwar oberflächlich Halt geben können, aber dabei die Gefahr besteht, dass eigene Bedürfnisse und Sehnsüchte, die der moralischen Vorstellungen der Gemeinde nicht entsprechen, verdrängt oder abgelehnt werden. Wird das verbunden mit der Angst, ausgeschlossen zu werden, führt dies weg von der «Erkenntnis der Wahrheit, die freimacht». 

Schwierig sehe ich zudem den Umgang mit Themen wie Sexualität allgemein und spezifisch die ablehnende Haltung gegenüber Homosexualität, die junge Menschen, die einer bestimmten Vorstellung von gelebter Sexualität nicht entsprechen, massiv unter psychischen Druck setzen können. Nachhaltig ist diese Form des Glaubens nur dann, wenn sie mit der konkreten und gebrochenen Wirklichkeit des Einzelnen übereinzustimmen vermag.

Adrian Marbacher, Theologe, Jugendseelsorge Zürich