Sterbezeit – Seelenzeit

Bei Lebenskrisen brauchen Menschen «Spiritual Care»: Psychiatrie, Psychologie und Seelsorge. Davon ist Spitalseelsorgerin Tatjana Disteli überzeugt.

«Die Psychiatrie beschreibt die Depression als Mangel an Serotonin im Hirn oder die Liebe mit dem Neurotransmitter Dopamin», sagt Spitalseelsorgerin Tatjana Disteli. «Über den wissenschaftlichen Blick hinaus wächst aber das Bewusstsein, dass Sinnfragen, Spiritualität und Glaube, Beziehung und Lebenskonzepte wichtige Ressourcen sind, um Heilung zu erfahren.» 

Deshalb würden in vielen Kliniken die Seelsorgenden zu den Rapporten eingeladen, um ihre Erfahrung in der Begleitung von Kranken und Sterbenden in die Gesamttherapie einfliessen zu lassen, sagt die Leiterin der katholischen Spital- und Klinikseelsorge im Kanton Zürich. Gleichzeitig habe auch die Seelsorge viel von Psychotherapie und Medizin gelernt: «Gesprächs- oder Logo-Therapie und System-Theorie gehören zu unseren Ausbildungsfächern.»

Die Tagung «Sterbezeit, Seelenzeit» der Paulus Akademie – in Kooperation mit dem orell-füssli-Verlag und dem Friedhof Forum der Stadt Zürich – will diesem Zusammengehen verschiedener Disziplinen angesichts von Leiden und Sterben nachgehen. Nebst der Seelsorgerin Tatjana Disteli werden die Psychotherapeutin Brigitte Boothe und der Psychiater und Jesuit Eckhard Frick miteinander ins Gespräch kommen. «Sich mit solchen Themen auseinandersetzen, hilft in späteren Lebenskrisen», ist Tatjana Disteli überzeugt. «Es ersetzt nicht den Prozess, den jede und jeder durchmachen muss. Aber es gibt Kraft zu wissen, dass solche Prozesse in etwas Grösseres eingebettet sind und zu einem inneren Heilwerden beitragen.»

Disteli erinnert sich an den jungen Mann, der zusammenbrach, als sein Vater auf die Intensivstation eingeliefert wurde. Lange blieb die Seelsorgerin bei ihm, bis herauskam: Er musste bereits den Tod seines Bruders verkraften. Damals hatte er es nicht geschafft, ihn auf der Intensivstation zu besuchen. So wagte er sich auch jetzt nicht zu seinem Vater. 

«In solchen Momenten versuchen wir, die eigenen inneren Kräfte zu mobilisieren, das Bewusstsein für das Gehalten-Sein zu stärken», sagt Disteli. Bis der junge Mann dem sterbenden Vater begegnen und damit auch die Schuldgefühle nach dem Tod seines Bruders loslassen konnte.

Text: Beatrix Ledergerber-Baumer

Angebot laufend

Abendveranstaltung

Dienstag, 14. März, 19.00–20.00 Uhr
Kirchgasse 14, Zürich
Philosophie, Psycho-Analyse und Spiritualität im Gespräch.
Eintritt: Fr. 25.–
Anmelden bis 7. März: www.paulusakademie.ch

Buchtipp

Brigitte Boothe, Eckhard Frick
«Spiritual Care. Über Leben und Sterben»
orell füssli, 256 Seiten, Fr. 26. 90
Erscheint am 10. März 2017