Stolperstein «Maß»

Keine Tugend scheint mir so wichtig wie «das Maß halten». Und mit keiner Tugend tue ich mich so schwer.

Die Menschheit hatte schon immer einen Hang zur Maßlosigkeit. In der Bibel ist dieser Hang vielfach bezeugt, am einprägsamsten wohl im Turmbau zu Babel.

Was mich an der gegenwärtigen Maßlosigkeit beunruhigt, ist die Bereitschaft, sie bereitwillig ins System einzubauen. Geschwindigkeit und Masse sind Parameter des Erfolgs: So schnell wie möglich so viel Aufmerksamkeit wie möglich erzeugen.

Das Leben an der Gurgel packen, als wäre es eine permanente Castingshow. Kompromisse werden als faul gescholten. Wer den Gewinn weniger steigert als erwartet, ist bereits ein Verlierer. Wer sich seine Gedanken macht, kommt schon zu spät.

Stabilität, Geduld, Kompromiss, Zufriedenheit – alles Begriffe, die heute für Stagnation und sogar Rückschritt zu stehen scheinen.

So entwickelt sich ein überhitztes System, ein «Tanz auf dem Vulkan». Und zur Galionsfigur dieser Entwicklung ist der amerikanische Präsident Donald Trump geworden. Er beansprucht pausenlos unsere Aufmerksamkeit, spricht ausschließlich in Superlativen (am liebsten von sich selbst), macht jedes Problem zu einem Gordischen Knoten, gegen den er den Zweihänder auspackt. Und er setzt mit Twitter bezeichnenderweise auf ein ungeheuer kurzatmiges Medium, das dauernd pusht und kaum je zuhört. Das Wort «Mäßigung» dagegen kommt in Trumps Wortschatz offenbar nicht vor.

Das Maßhalten ist für eine christliche Spiritualität jedoch seit jeher zentral. Es hilft, in der Balance zu bleiben. Es bedeutet, jeden Exzess – auch den ganz frommen – zu vermeiden. Wie auf der Schaukel muss die Gewichtung links wie rechts stimmen. Und je weiter man sich von der Mitte ins Extreme entfernt, desto schwerer wird es, das Gleichgewicht zu halten.

Und genau deshalb tue ich mich mit dem Maßhalten so schwer. Weil dafür höchste Beweglichkeit gefordert ist. Weil ich mir immer wieder bewusst machen muss, auf welche Seite ich gerade zu sehr lehne. Weil das richtige Maß letztlich eine Herausforderung ist, die wir nie abschliessend bewältigen werden. Dafür gibt es in der christlichen Tradition einen lateinischen Merksatz «semper agens – semper quietus» (immer in Bewegung – immer ruhig).

Ich hoffe sehr, dass meine und unsere Zukunft in den Händen jener liegt, die nie müde werden, das richtige Maß und damit die Balance zu finden.

Anmerkung: Zugunsten sprachlicher Klarheit haben wir uns bei diesem Text entschieden, die ß-Regel anzuwenden.

Text: Thomas Binotto