Nachdenkliches zur Fastenzeit «Loslassen»

Er war ohne Zweifel der ultimative Faster: Bruder Klaus, geboren vor 600 Jahren. Er brachte es auf knapp 20 Jahre: vom 50. Lebensjahr bis an sein selig Ende. Dagegen nimmt sich die vierzigtägige Fastenzeit von Jesus relativ bescheiden aus.

Ich bringe es jeweils auf lediglich sieben Tage und will mich mit diesen beiden Grössen auch gar nicht vergleichen. Dennoch kann ich bezeugen, dass bereits ein einwöchiges Fasten wohltuend und heilsam für Leib und Seele ist.

Fastenzeiten haben eine lange Tradition. Jesus selber wusste, dass manche Herausforderungen des Lebens nur mit «Gebet und Fasten» (Matthäus 17,21) zu überwinden sind. Auf die soziale Dimension des Fastens wiesen zudem die biblischen Propheten hin. Ein gottgefälliges Fasten bedeute, «die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Versklavten freizulassen, an die Hungrigen dein Brot auszuteilen und die obdachlos Armen ins Haus aufzunehmen» (Jesaja 58,6 –7).

Zurück zu Bruder Klaus: Was bezweckte der geistliche «Extremsportler» eigentlich mit seinem radikalen Fasten, das übrigens historisch relativ gut belegt, aber deswegen noch nicht erklärbar ist? – Gar nichts! Einem Besucher, der ihn direkt auf das Geheimnis seiner wundersamen Abstinenz ansprach, antwortet Bruder Klaus «Gott weiss!»

Sein Fasten war nicht Leistung, sondern Berufung. Der Einsiedler verkörperte in extremis das biblische Leitmotiv: «Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.» (Matthäus 4,4)

Den tieferen Sinn seines Fastens deutet Klaus in seinem berühmten Gebet an: «Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir.» – Für uns heute könnte dies bedeuten: Befreie mich von dem, was mich gefangen nimmt: Esssucht, Spielsucht, Habsucht, Arbeitssucht, Geltungssucht, Informationssucht – selbst wenn dieses Habenwollen nur in kleinen Dosen vorhanden ist.

«Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich führt zu dir»: Menschen, bei denen ich mich geborgen fühle, Gemeinschaft, Freundschaft, das tägliche Brot, dein Wort und dein Geist, die mir den Weg weisen in diesen unruhigen Zeiten.

«Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu Eigen dir»: Gib mir das Vertrauen und die Gelassenheit, dass ich loslassen kann. Das ist zweifellos etwas vom Schwierigsten und Wichtigsten im Leben: Loslassenkönnen!

 

Peter Dettwiler reformierter Theologe, ehem. Ökumene-Beauftragter der Reformierten Landeskirche Zürich, Mitglied der Fokolar-Bewegung.