SOS Narrenschiff

Auf Augenhöhe

In aller BESCHEIDENHEIT: Ich bin mit Abstand der BELIEBTESTE Vater ALLER Zeiten! – Fakt! – Punkt mit Ausrufezeichen!

Und nun die alternativen Fakten: Seit ich meine Kinder stundenlang in den Schlaf getragen und dafür Laune und Rücken riskiert habe, geht’s mit meiner Popularität nur noch abwärts.

Lange konnte ich mich damit trösten, dass ich als Erziehungsberechtigter allzu grosse Nähe zur Polizei ausgestrahlt habe. Wer seine Kinder zwingt, nach Weihnachten und Geburtstagen Dankesbriefe zu schreiben, darf sich nicht wundern, wenn seine Beliebtheitswerte im Keller hausen.

Dann kam die Pubertät und mit ihr die einzige Gewissheit in turbulenten Zeiten: Väter sind doof! – Das immerhin entsprach der Prognose sämtlicher Erziehungsratgeber und war deshalb erträglich.

Irgendwann habe ich nur noch sehnsüchtig auf den Tag gewartet, an dem ich offiziell zum Vater von vier erwachsenen Kindern werden sollte. Dann endlich würde ich meine verdammte Erzieherrolle abstreifen und meinen Kindern auf Augenhöhe begegnen können. Sie würden mir in meine tiefen braunen Augen schauen und darin geschrieben sehen: Papi ist der Beste! – Gemeinsam würden wir befreit aufseufzen. Und endlich stünde nichts mehr zwischen meinen Kindern und ihrem fortan besten Freund.

Seit ein paar Wochen sind all meine Kinder volljährig, und ich damit auf treuherzigen Hundeblick eingestellt. Aber wie behandeln sie ihren neuen besten Freund? – Sie lassen weiterhin elf von zehn Whatsapp-Nachrichten unbeantwortet. – Wenn ich für sie koche, drücken sie spätestens ab der
Vorspeise auf’s Tempo, weil eine ganz besonders wichtige Verabredung ansteht. – Mit wem? Darauf gibt’s nicht mal mehr ein entrüstetes «Geht dich nichts an!», sondern nur noch ein nachsichtiges Lächeln. – Und noch immer bin ich weit und breit der Einzige, der meine Artikel mit Begeisterung liest. – Ich nähere mich zielstrebig dem Tag, an dem ich beim Schalterpersonal der SBB nachfrage, wie’s denn meinen Kindern so geht.

Und wenn meine Kinder diese Kolumne doch lesen würden? Was sie nicht tun werden! Aber wenn doch? – Sie würden eventuell weitere alternative Fakten auftischen, die ihre Vaterliebe belegen sollen. Vielleicht würden sie mich als undankbaren emotionalen Nimmersatt ausschimpfen. Am wahrscheinlichsten aber würden sie über mich lachen: «Benimm dich endlich wie ein Erwachsener, du Jammerlappen!» Und damit wären wir ja dann wohl auf Augenhöhe angekommen.

Text: Thomas Binotto