Lebensqualität im Alter

Bestimmte Gelassenheit

Wird Lebensqualität zur blossen Einstellungssache, wenn mit zunehmendem Alter vieles schwerer fällt? Unterwegs mit einer TIXI-Fahrerin, bei einem Arzt und einer Bewohnerin einer Mehr-Generationen-Siedlung. Über den Umgang mit Einschränkungen im Alter – und den Raum zwischen Selbständigkeit und Abhängigkeit.

Irgendwann versucht Edith Aragno an einem kühlen, klaren Wintermorgen nicht mehr, den Tempomat dieses fremden Autos auszuschalten. Jedes Mal, wenn sie von Neuem schneller als 30 Stundenkilometer fährt, plingt das Ding und lenkt ihre Aufmerksamkeit weg vom Verkehr auf den Strassen Zürichs. «Jetzt lass ich es sein», sagt sie, nachdem sie Knöpfe gedrückt und Hebel gezogen und damit bloss Scheibenwischer und Blinker betätigt hat. Sie sagt es bestimmt, aber gelassen. So wie die Dame im Rollstuhl ihre Sätze sagt. Die Dame, welche sie heute noch fahren wird und deren Haltung die Rentnerin so beeindruckt.

Aragno chauffiert einmal pro Woche für TIXI mobilitätsbehinderte Menschen im Kanton Zürich, welche die öffentlichen Verkehrsmittel nicht alleine nutzen können. Sie bringt sie zum Arzttermin, in die Tagesklinik oder an private Verabredungen. Freiwillig und umsonst. Sie tut dies seit zwölf Jahren, seit ihrer eigenen Pensionierung. Wenn jemand Erfahrung hat im Umgang mit Menschen, die häufig schleichend, manchmal aber auch in einem Sekundenbruchteil ihre Selbständigkeit verlieren, dann sie. Wie gehen die Menschen damit um?

Aragno chauffiert einmal pro Woche für TIXI mobilitätsbehinderte Menschen im Kanton Zürich, welche die öffentlichen Verkehrsmittel nicht alleine nutzen können. Sie bringt sie zum Arzttermin, in die Tagesklinik oder an private Verabredungen. Freiwillig und umsonst.

Aragno chauffiert einmal pro Woche für TIXI mobilitätsbehinderte Menschen im Kanton Zürich, welche die öffentlichen Verkehrsmittel nicht alleine nutzen können. Sie bringt sie zum Arzttermin, in die Tagesklinik oder an private Verabredungen. Freiwillig und umsonst. Foto: Christoph Wider, forum

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«Sie hätten nicht zu kommen gebraucht, ich hätte gern länger geschlafen», sagt der erste Fahrgast und grinst schelmisch, nachdem Aragno pünktlich um acht Uhr beim Reihenhaus unterhalb des Schaffhauserplatzes klingelt. Auf der Fahrt erzählt der ältere Herr von seiner Kindheit, seinem Haus, seinem Sohn, weist Aragno darauf hin, dass das Lichtsignal auf Grün gesprungen ist und lobt sie dafür, dass sie den Wagen langsam über Schwellen lenkt. Beim Abschied bedankt er sich herzlich. Man merke es den Menschen an, wenn sie alleine wohnen, sagt Aragno. «Sie erzählen sofort ihr ganzes Leben.» Einmal wurde sie innert 20 Minuten dreimal geblitzt. Weil eine Frau derart spannend erzählte, dass sie Mühe hatte, sich zu konzentrieren.

Doch Aragno selbst scheut sich davor, ihre Fahrgäste auszufragen. Bei einigen Stammkunden weiss sie trotz zahlreichen Fahrten nicht, weshalb sie im Rollstuhl sind. «Es gibt schon eine Barriere, der Umgang mit meinen Fahrgästen war zu Beginn ungewohnt.» Freunde meinten, dass sie überfordert wären im Umgang mit Menschen mit Behinderungen oder Krankheiten. «Aber wenn jemand fragt, ob man den Urinbeutel halten, die Hose zumachen oder die ausgestreckte Hand ergreifen kann, dann macht man das einfach.»

Wenn ihr die Gesellschaft ihrer Fahrgäste in den letzten zwölf Jahren etwas gezeigt hat, dann «dass ich mit meinen eigenen Wehwehlein zufrieden sein kann». Die Beine schmerzen hin und wieder und niemand konnte ihr bisher eine präzise Diagnose stellen. Klar spürt auch sie, dass sie nicht jünger wird. Aragno sagt aber entschlossen: «So lange die anderen nicht hupen, fahre ich weiter.» Gleichwohl fragt sie sich: «Merke ich, wenn der Zeitpunkt gekommen ist, mit etwas aufzuhören, wenn es nicht mehr geht?»

«Ich meine, das ist von Mensch zu Mensch doch sehr unterschiedlich und abhängig von der Lebensbiographie, der zugrundeliegenden Einschränkung sowie oft auch von charakterlichen Eigenschaften», antwortet Marco Vecellio. Er ist hausärztlich in einer Praxisgemeinschaft am Hegibachplatz tätig und betreut als Heimarzt in verschiedenen Zürcher Alters- und Pflegeinstitutionen Dutzende von Menschen im hohen Alter.

Gelegentlich melden sich bei ihm auch Menschen zur Abklärung der Fahrtauglichkeit: Hier allerdings befindet sich der Arzt mehr in einer Gutachterrolle und weniger in einer hausärztlichen Funktion: «Wenn jemandem mitgeteilt werden muss, dass aus gesundheitlichen Gründen das weitere Führen eines Fahrzeugs nicht mehr verantwortbar und vertretbar ist, stosse ich nicht selten auf Unverständnis und gelegentlich auch auf Wut», erklärt er bei einem Mittagessen.

Er erfährt so täglich, welch hohen Stellenwert Freiheit, Mobilität und Selbstbestimmung in unserer Gesellschaft haben. Obschon alle Patienten verschieden seien: Eine Einschränkung wie der Verlust des Führerscheins stelle für viele ein Problem dar. «Auf andere angewiesen zu sein, fällt niemandem leicht und wird nicht selten als Kränkung oder Zurücksetzung empfunden.»

Aber auch dann könne man sich meist noch bewegen und Aktivitäten an der frischen Luft nachgehen. «Wer sein Leben lang aktiv und gesund gelebt hat, der ist meist auch im Alter widerstandsfähiger und verfügt oft über bessere gesundheitliche Ressourcen.» Besonders wichtig erscheinen ihm auch soziale Kontakte: «Wer viele Menschen um sich weiss, die bereit sind, in schwierigen Situationen zu helfen, dem fällt der Umgang mit einer Verletzung oder Erkrankung leichter, da er sich getragen und eingebunden fühlt.»

Weil sie genau diese Nähe zu Mitmenschen suchte, zog Loni Brönnimann vor fünf Jahren von einer 3,5-Zimmer-Wohnung im Zürcher Kreis 5 in zwei Zimmer in der Mehr-Generationen-Siedlung Heizenholz der Genossenschaft Kraftwerk 1 am Stadtrand in Höngg. Etwa hundert Menschen – vom Kleinkind bis zum Senior – leben in den Wohnhäusern, die von aussen wie gewöhnliche Wohnblöcke wirken. Wären da nicht die Gemeinschaftsbalkone, welche die Wohnungen der einzelnen Stöcke verbinden. «Ich kann mich vor jeder Wohnung in eine Hängematte legen, auf einen Stuhl setzen oder eine Wurst auf einen Grill legen», sagt Brönnimann. Hin und wieder gehen Nachbarn an ihrem Wohnzimmerfenster vorbei und blicken in die Wohnung.

Für Brönnimann, die selbst Mitte sechzig ist und wöchentlich ihren Enkel zu Besuch hat, war der Umzug auch ein soziales Experiment. Wie würde sich die Nähe zu all diesen neuen Nachbarn auf ihr Leben, ihren Alltag als alleinstehende Rentnerin auswirken? Wie würde man mit der Tatsache, dass keine Hausordnung existiert, umgehen? «Es gibt immer wieder Konflikte, wir müssen aufeinander zugehen und sie austragen, können uns nicht verstecken», sagt sie. Das Zusammenleben werde so geübt und gelebt. Doch die Nähe führt nicht nur zu Konflikten, die wie derjenige um die laute Musik im Partyraum auch sehr anstrengend sein können. Sie führt auch zu einem Gemeinschaftssinn, welcher in einer Einfamilienhaussiedlung schwierig zu finden sein dürfte.

Juristen geben bei Rechtsfragen gerne auch im Türrahmen Auskunft, Lehrerinnen den Nachbarskindern bei den Aufgaben. Man unterstützt einander bei Erkrankungen, hütet Kinder spontan oder pflegt einen Nachbarn nach einem Schlaganfall. Loni Brönnimann, die aus Südkalifornien stammt, bietet regelmässig Englisch-Konversation an. Es existiert ein Bibliotheksteam, es gibt Kochgruppen, ein Intranet mit Anschlagsbrett, im Keller neben dem Bandraum gar einen kleinen Siedlungsladen mit Getränken, Pasta, Olivenöl oder Toilettenpapier. «Ich kenne meine Nachbarn mittlerweile und kann mich mit Freundinnen aus der Siedlung zum Kaffee verabreden, wenn ich das möchte.»

Diese Freiheit fehlt der Dame, auf die sich TIXI-Fahrerin Edith Aragno gefreut hat und die sie auf ihrer letzten Fahrt nun zur Behandlung ins Spital fährt. Sie ist zwar jünger als Aragno, wie Loni Brönnimann Mitte sechzig, aber wegen multipler Sklerose auf Pflege angewiesen und lebt im Heim. «Ich nenne es Altersinternat», sagt sie leicht trotzig. Sie sei mit Abstand die Jüngste. Doch sie weiss sich zu wehren. «An meinem Esstisch im Heim herrscht Jammerverbot.» Ihr fällt immer noch schwer, zu akzeptieren, dass sie mit dem Rollstuhl derart abhängig geworden ist und überallhin das Taxi nehmen muss. Aber es scheint, als habe sie sich gegenüber der Krankheit trotz aller Einschränkungen einen Freiraum erkämpft: den Moment. «Ich kämpfe täglich in meinen Gedanken darum, dass ich im Jetzt leben kann. Auch wenn es schwierig ist. Angesichts der freien, selbständigen Vergangenheit könnte ich in Wehmut verfallen oder mir wegen der Krankheit Sorgen über die Zukunft machen.» Als sie sich vor dem Spital dankend verabschiedet, scheint sie überzeugt: Wer aus Bitterkeit oder Angst Hilfe ausschlägt, verpasst womöglich die lebenswerten Augenblicke.

Zusammen mit ihrer Fahrerin Aragno, Arzt Vecellio und Rentnerin Brönnimann zeigt ihr Beispiel: Wenn sich das Leben verändert, gibt es zumeist die jeweils passende Hilfe. Doch sie zeigt sich nicht von allein, ist nicht einfach da. Sie erscheint immer nur in Gesprächen, im aktiven Zusammenleben mit anderen Menschen. Und wer akzeptiert, dass er die Zeit nicht aufhalten kann, kann auf ihr Fortschreiten reagieren wie die Dame im Rollstuhl, die täglich dafür kämpfen muss, im Moment leben zu können. 
Es ist möglich, das Fortschreiten der Zeit zu akzeptieren und gleichzeitig entschlossen an der Tatsache festzuhalten, dass sie noch nicht abgelaufen ist.

Angebote

Fahrdienste

TIXI
www.tixi.ch

Schweizerisches Rotes Kreuz, Zürich
www.srk-zuerich.ch/fahrdienst

Pro Senectute
www.prosenectute.ch/de/dienstleistungen


Hilfe und Pflege zu Hause

Spitex Zürich  
www.spitex-zuerich.ch


Wohnen im Alter

Wohnform50plus (Pro Senectute)
www.wohnform50plus.ch

Stiftung Alterswohnungen der Stadt Zürich
www.wohnenab60.ch

Mehr-Generationen-Haus am Eulachpark, Winterthur
www.giesserei-gesewo.ch

Mehr-Generationen-Siedlung Heizenholz, Höngg
www.kraftwerk1.ch/heizenholz


Treuhand-Dienste

Pro Senectute Zürich
www.pszh.ch/finanzielles


Besser hören

Sonos, Schweizerischer Dachverband der Hörgeschädigten-Organisationen
www.sonos.ch


Unterstützung im Alltag

Nachbarschaftshilfe Zürich
www.nachbarschaftshilfe.ch

Text: Pascal Sigg, freier Mitarbeiter

Angebot laufend

«Es gibt schon eine Barriere, der Umgang mit meinen Fahrgästen war zu Beginn ungewohnt.»
«Es gibt schon eine Barriere, der Umgang mit meinen Fahrgästen war zu Beginn ungewohnt.»

Edith Aragno

Angebot laufend

«Auf andere angewiesen zu sein, fällt niemandem leicht und wird nicht selten als Kränkung empfunden.»
«Auf andere angewiesen zu sein, fällt niemandem leicht und wird nicht selten als Kränkung empfunden.»

Marco Vecellio

Angebot laufend

«Ich kann mich vor jeder Wohnung in eine Hängematte legen, auf einen Stuhl setzen oder eine Wurst auf einen Grill legen.»
«Ich kann mich vor jeder Wohnung in eine Hängematte legen, auf einen Stuhl setzen oder eine Wurst auf einen Grill legen.»

Loni Brönnimann