Ausstellung

Arznei für die Seele

Die Stiftsbibliothek St. Gallen gehört zu den ältesten heute noch bestehenden Bibliotheken der Welt. Sie ist im 7. und 8. Jahrhundert nach und nach entstanden und existiert somit seit 1400 Jahren. Heute bildet sie das Herzstück des Weltkulturerbes Stiftsbezirk St. Gallen. Die Sommerausstellung 2017 im berühmten Barocksaal erzählt aus ihrer langen Geschichte.

Die Stiftsbibliothek St. Gallen ist entstanden, nicht gegründet worden. Sie hat sich seit der Ankunft von Gallus an der Steinach im Jahr 612 nach und nach wie von selbst gebildet, schrittweise Form angenommen und sich schliesslich als feste Infrastruktur im Kloster etabliert. Zusammen mit der Biblioteca Capitolare di Verona, der Bibliothek des Katharinenklosters auf dem Sinai und der Bibliothek der Erzabtei St. Peter in Salzburg gehört sie zu den ältesten heute noch bestehenden Bibliotheken der Welt. Die Sommerausstellung Arznei für die Seele – Mit der Stiftsbibliothek St. Gallen durch die Jahrhunderte präsentiert Denkwürdiges aus der langen Geschichte der Einrichtung. Der Titel knüpft an die Überschrift «Seelenapotheke» über dem Eingangsportal zum Barocksaal an. 

Schon Gallus hatte eine Bibliothek 

Mit dem Aufbau von Bibliotheken in den frühmittelalterlichen Klöstern regte sich nach dem Nie-dergang der Antike das religiöse, kulturelle und wissenschaftliche Leben neu. Bereits bei Gallus, der als irischer Missionar und gebildeter Eremit die Siedlung hier begründete, spielten Bücher eine Rolle. Entlang der Vorund Frühgeschichte des Klosters gab es immer Bücher für die Feier der Gottesdienste und das persönliche Studium der Brüder. 

Schreibende Mönche seit etwa 750 

Mit dem Skriptorium, das seit der Mitte des 8. Jahrhunderts nachgewiesen werden kann, begann die bewusste Vergrösserung der Sammlung durch die Mönchsgemeinschaft. Die enge Beziehung zwischen Schreibstube und Bibliothek ist auch auf dem St. Galler Klosterplan um 820 bezeugt. Die Handschriftensammlung wurde in der Folge zur Grundlage für die Arbeit von aussergewöhnlichen Künstlern und Gelehrten, von Notker Balbulus, der auch Bibliothekar war, bis zu Ekkehart IV., ihrem wohl intensivsten Benutzer. Im nördlich der Kirche gelegenen Hartmutturm trotzte sie vom 10. bis zum 16. Jahrhundert allen Gefahren und mehreren Klosterund Stadtbränden. 

Wiborada als Kirchenpatronin der Bibliotheken 

Dass die Stiftsbibliothek St. Gallen zahlreiche Überfälle und Feuersbrünste überstanden hat, verdankt sie gemäss der st. gallischen Tradition der heiligen Wiborada. Aufgrund einer Vision sagte sie den Einfall der Ungarn für den 1. Mai 926 voraus und veranlasste Abt Engilbert, die Bibliothek und den Klosterschatz in Sicherheit zu bringen. Nach längeren Bemühungen durch die St. Galler Mönche wurde Wiborada 1047 vom Papst heiliggesprochen. Erst drei Heilige waren vor ihr so kanonisiert worden, darunter der ebenfalls mit St. Gallen verbundene Bischof Ulrich von Augsburg. Mit Wiborada durchlief erstmals eine Frau den Heiligsprechungsprozess, ein Zeichen für die Wert-schätzung, welche sie bei den Mönchen genoss, und auch für deren Aufgeschlossenheit dem weiblichen Geschlecht gegenüber. 

Glückliche Rettung zur Zeit der Klosteraufhebung 

Mit Glück überstand die Stiftsbibliothek die Wirren der Reformationszeit. Zwanzig Jahre nach dem Sieg der katholischen Orte im Zweiten Kappelerkrieg, der die Rückkehr die Mönche ermöglichte, wurde von 1551 bis 1553 im Westflügel des Konventsgebäudes ein eigenes Bibliotheksgebäude errichtet. Vor genau 250 Jahren wurde dieses dann durch den heutigen Bau mit dem Barocksaal ersetzt. Er gilt als einer der schönsten Bibliotheksräume weltweit. Wie durch ein Wunder gelang es den letzten Klosterbibliothekaren zur Zeit der Aufhebung der Fürstabtei 1797 bis 1805, den Be-stand praktisch unbeschadet zu erhalten. 

Eigentum der St. Galler Katholikinnen und Katholiken 

Seit nunmehr 200 Jahren steht die Bibliothek im Eigentum der Katholikinnen und Katholiken des Kantons St. Gallen. Der Katholische Konfessionsteil führt sie als wissenschaftliche Institution von Weltruf und entwickelt sie weiter. Als Herzstück des Weltkulturerbes Stiftsbezirk St. Gallen gehört sie heute zu den wichtigsten historischen Sehenswürdigkeiten der Schweiz. Mit Grund, denn sie ist nicht nur eine der schönsten Bibliotheken, sondern als weltweit besterhaltene Sammlung aus dem ersten Jahrtausend auch eine der wertvollsten. 

Ausstellungskatalog und öffentliche Vorlesungen 

Im reich illustrierten Ausstellungskatalog führen Cornel Dora, Karl Schmuki und Philipp Lenz durch die lange Geschichte der Bibliothek vom frühen Mittelalter bis in die Neuzeit. Begleitend veran-staltet die Stiftsbibliothek gemeinsam mit der Universität St. Gallen vier öffentliche Vorlesungen im Musiksaal im Dekanatsflügel (20. und 27. März, 3. und 10. April, jeweils um 18.00 Uhr). 

Text: PD

Angebot laufend

«Arznei für die Seele»
14. März bis 12. November 2017
Stiftsbibliothek St. Gallen
Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag, 10.00 bis 17.00 Uhr