Editorial

Ehrlichkeit für das Evangelium

Daniel Pittet wurde zwischen 1968 und 1972 von einem katholischen Geistlichen sexuell missbraucht.

Darüber hat Pittet nun ein Aufsehen erregendes Buch geschrieben, das demnächst auch auf Deutsch erscheinen wird. Es wirkt nicht nur aufklärend, sondern stellt sich zudem der Frage, ob man seinem Peiniger verzeihen kann. Daniel Pittet tut dies.

Noch immer gibt es Anhänger der katholischen Kirche, die weiterhin die Opfer sexuellen Missbrauchs nicht ernst nehmen wollen. Für sie kann nicht sein, was nicht sein darf, und so behaupten sie, die Aufklärer würden das Bild der katholischen Kirche beschädigen. Oder sie fordern, die Täter losgelöst von der Kirche zu betrachten, was allerdings dem katholischen Amtsverständnis komplett widerspricht. Und dann gibt es noch welche, die das Leid der Opfer missbrauchen, um damit Kirchenpolitik zu machen und unliebsame Personen anzuschwärzen.

Die Haltung des Papstes ist unmissverständlich: Sexueller Missbrauch ist nicht nur Verrat an der Menschlichkeit, sondern auch Verrat am Evangelium. Die Kirche steht deshalb als Kirche in der Verantwortung. Und ihre erste Sorge hat den Opfern zu gelten, nicht der Bewahrung einer Fassade.

Zwar kann auch der Papst keine Garantie dafür abgeben, dass nie mehr Menschen missbraucht werden. Aber eine Garantie gibt es: Sexueller Missbrauch ist unvereinbar mit dem christlichen Glauben. Und Vertuschung von Verbrechen, um Täter oder Kirche zu schützen, ist Verrat an Jesus Christus.

Diese Art von Nulltoleranz müssen wir allerdings radikal annehmen. Sie bedeutet nämlich, dass die katholische Kirche dem Verbrechen und seiner Vertuschung den Deckmantel auch dann entziehen muss, wenn dadurch ihr Ansehen massiv, schlimmstenfalls sogar irreparabel beschädigt wird. Die Kirche hat diese Konsequenzen zu tragen, nicht Jesus Christus und seine Botschaft.

Text: Thomas Binotto

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Bildlegende

Eine Frau und ein Mädchen verteilen weisse Ballons während einer Marche Blanche, einem Weissen Marsch, um gegen Pädophilie und Missbrauch von Kindern durch Kirchenleute zu protestieren, am Samstag, 18. Februar 2017 in Fribourg. Die Manifestation wurde nach der Publikation des Buches «Mon Pere, je vous pardonne» von Daniel Pittet organisiert.

Foto: KEYSTONE/Alessandro della Valle