Eindrücklicher Zeuge

Liebe ist stärker als Hass

Fast 400 Schülerinnen und Schüler der Freien Katholischen Schule Zürich treffen den 90-jährigen Holocaust-Überlebenden Shlomo Graber.

Der Saal im Schulhaus Sumatra platzt aus allen Nähten. Von der ersten Sekundar- bis zu den Maturaklassen sind alle da. Als der kleine, weisshaarige Mann aufsteht und zu reden beginnt, wird es ganz still. Eine Stunde lang hören sie gebannt zu, wie er mit klarer Stimme von den drei Konzentrationslagern und dem Todesmarsch erzählt, die er überlebt hat. 

Als das Mikrofon für Fragen offensteht, stellen die Jugendlichen Fragen um Fragen, differenziert und interessiert. Nicht immer antwortet Shlomo Graber auf die gestellte Frage, man merkt, dass Deutsch nicht seine Muttersprache ist und er nicht mehr alles gut hört. Doch immer ist die Antwort berührend.

Beeindruckt erleben die Jugendlichen einen Menschen, der trotz schlimmsten Erlebnissen seinen Lebensmut bewahrt hat.

Beeindruckt erleben die Jugendlichen einen Menschen, der trotz schlimmsten Erlebnissen seinen Lebensmut bewahrt hat. Foto: Christoph Wider, forum

1 | 1

«Wie ist es möglich, nach diesen Erlebnissen nicht zu hassen?», fragt eine Schülerin. «Auch unter dem deutschen Wachpersonal im Lager gab es gute Menschen, die uns geholfen haben. Und unter denen, die uns befreiten, hatte es auch Sadisten. Was ich verurteile ist, pauschal zu hassen!», sagt er mit Nachdruck. «Leider kommt das heute wieder auf, der Populismus nimmt zu…»

Was aus dem KZ-Chef geworden sei, der ihm mit einem Sandwich in der Schrauben-Schublade geholfen habe? «Ich habe ihn lange gesucht und nicht gefunden, bis sich vor Kurzem seine Urenkeltochter gemeldet hat. Nun reise ich nach Israel, um seinen Namen im Holocaust-Museum eintragen zu lassen», erfahren die Jugendlichen. Es zeigt, wie wichtig für Shlomo Graber die einzelnen Menschen sind. So wie die junge deutsche Frau, die er nach der Befreiung in der verlassenen Stadt Görlitz traf. Spontan gab er ihrem kleinen, hungrigen Kind ein Stück Brot. Auf die Frage seiner Mithäftlinge, warum er dem deutschen Feind zu essen gebe, antwortete er: «Dann wäre ich wie Hitler!»

«Dass man nach so viel Schlimmem noch positiv denken und glücklich leben kann, beeindruckt mich sehr!», sagt Nadja aus der A1a vom Schulhaus Sumatra. Und Henry ergänzt: «Das war für uns eine einzigartige Chance, jemanden zu erleben, der im KZ war.» Andreas überlegt: «Dass er das alles verarbeiten und sogar davon erzählen kann! Seine Ausstrahlung und Lebenseinstellung sind stark!»

Zum Schluss signiert Graber mit einem verschmitzten Lächeln seine Bücher: «Wenn ich die Hoffnung verlieren würde, wäre ich tot.»

Text: Beatrix Ledergerber-Baumer

Angebot laufend

Buchtipp

Shlomo Graber «Der Junge, der nicht hassen wollte. Eine wahre Geschichte»
Riverfield Verlag 2016
224 Seiten
Fr. 24.90
ISBN 978-3-9524640-5-2