Stolpersteine

«Prophetie»

«Das isch eine, wo gschpüürt, dass öppis chönnti cho.» So lautet die Antwort eines noch jungen Menschen auf die Frage, was ein Prophet sei.

Ich finde diese Definition aus drei Gründen gelungen: Zunächst ist da von einem Gespür die Rede, von Intuition – prophetische Menschen nehmen nicht nur rational wahr und stützen sich nicht nur auf objektive Tatsachen. Dann ist das, was da kommen könnte, noch nicht genauer definiert – es kann gut oder schlecht sein. Und zuletzt handelt es sich um eine Möglichkeit – es kommt nicht sicher, sondern nur unter bestimmten Bedingungen, und auf diese kann man Einfluss nehmen.

Fügt man noch hinzu, dass Verkündigung, also Mitteilung wesentlich dazugehört und zwar nicht im eigenen, sondern in Gottes Namen, dann ist das Bild des Propheten oder der Prophetin aus dem Ersten Testament ziemlich gut gezeichnet.

Das Bild eines Mannes oder einer Frau, der oder die Gottes Botschaft an die Menschen auf verschiedenen Ebenen – auch als Gespür – wahrnimmt und den Menschen Unheil und Heil verkündet, wobei beides von der Reaktion der Adressaten abhängt: Verstocktheit und Weitermachen-wie-bisher oder Umkehr und Sich-Einlassen auf eine andere Handlungsweise. Die Hörerinnen und Hörer sind der Zukunft also nicht einfach ausgeliefert, sie können sie mitbestimmen.

Prophetinnen und Propheten erinnern damals wie heute an Gottes Heilswirken in der Vergangenheit – manchmal ohne Gott ausdrücklich zu erwähnen. Sie prüfen kritisch an seinem Heilswillen die Gegenwart und leiten daraus Konsequenzen für die Zukunft ab. Dabei gibt es kein Sowohl-als-auch, sondern nur ein Entweder-oder; diesen Handlungsspielraum aber gibt es.

Die Botschaft prophetischer Menschen irritiert und rüttelt auf, wird als Bruch mit oder gar als Verrat an der Tradition empfunden. Dabei bezieht sie sich auf den Ursprung, die Wurzel, die auch der Tradition noch vorausgeht, oder den wesentlichen Kern, um dessentwillen es überhaupt Tradition gibt.

Das neue Alte stösst vielfach auf taube Ohren, weil es von denen Bewegung und Veränderung fordert, die sich so bequem und selbstgenügsam in der Gegenwart eingerichtet haben.

Das Prophetentum steht grundsätzlich in Opposition zu etablierten Institutionen, ausserhalb oder wenigstens am Rand. Dieses Etablierte kann das ersttestamentliche Königtum sein, die kapitalistische Gesellschaft oder auch eine von einem bestimmten Verständnis geprägte Kirche. Marginalität gehört wesentlich zur Berufung von Prophetinnen und Propheten. Sie können dort am Rand durchaus angesehen sein und gehört werden, öfter aber ereilt sie das Schicksal Jesu.

Text: Alexandra Dosch, Diözesane Fortbildungsbeauftragte