Editorial

Aufgefangen werden

Manchmal weiss man einfach nicht mehr weiter. Man fühlt sich an die Wand gedrückt.

Mit ungefähr 15 Jahren erlebte ich mit, wie ein mir nahestehender Jugendlicher von einem Tag auf den andern verschwand und nicht mehr auftauchte. Ich sass dabei, als seine Familie in immer verzweifelter werdendem Gespräch zu verstehen suchte, was passiert war und warum, ob und wo man den jungen Mann finden würde – ob tot oder lebendig.

Ich sah vor meinen inneren Augen einen schwarzen Strudel, der mich hinunterzog und in seinem schwarzen Nichts verschlucken wollte. Doch dann veränderte sich das Bild: Am Ende, unter dieser schwarzen Spirale, wusste ich um die Hände Gottes, die mich auffangen würden.

Einige Wochen später meldete sich der damals knapp 18-Jährige, und kurz vor Ostern kehrte er zu seiner Familie zurück. Dieses Erlebnis wurde zu einer für mich prägenden Karfreitags- und Oster-Erfahrung: Wenn wir auch nicht mehr weiterwissen und das Gefühl haben, an die Wand gedrückt zu werden – wir sind in der Verzweiflung nicht allein. Genau dieses Gefühl erlebte der gekreuzigte Jesus, an den wir am Karfreitag denken.

Dieses «Sich-aufgefangen-wissen» kann helfen, aus dem Nullpunkt wieder herauszufinden, offen zu werden für neue Wege: Nicht im gleichen Tramp, nach den gleichen Mustern wie vorher weiter zu leben, sondern in einer neuen Qualität, in gelassener Kraft, verbunden mit der inneren Quelle. Dann kann sich vieles verändern, vieles wird möglich, Auferstehung erfahrbar.