Bruder-Klaus-Gedenkjahr

Das mehrfache Ja

Niklaus Kuster und Nadia Rudolf von Rohr haben gemeinsam eine Doppelbiografie über Niklaus und Dorothea von Flüe verfasst. Beide sind sie in der franziskanischen Spiritualität verwurzelt. Niklaus Kuster als Mitglied des Kapuzinerordens und Nadia Rudolf von Rohr als Leiterin der Zentrale der Franziskanischen Laienbewegung in der Deutschschweiz.

In «Fernnahe Liebe» setzen sie bei der gemeinsamen Geschichte des Ehepaares an. Welchen Weg ist die Gattin gegangen? – Bevor sie den Bauern auf dem Sachslerberg kennenlernte. Und durch 20 Ehejahre hindurch. Als Mutter der zehn Kinder, von denen Niklaus sich mit
50 Jahren verabschiedete. Danach alleinerziehend.

Was ist aus Dorothea geworden? Und was aus den Söhnen und Töchtern? Wie hat sie das gemeinsame Leben, die Krise ihres Mannes und seinen Weggang erlebt? Und was hat sie uns modernen Menschen in unseren Beziehungs- und Familiengeschichten zu sagen? Um die Zusammenschau der beiden Lebenswege geht es also in ihrem Buch, das Dorotheas Lebens-, Familien- und Schweizer Geschichte aus weiblicher Optik darzustellen versucht.

Niklaus Kuster fasst die Ermutigungen zusammen, die er aus diesem Ansatz gewinnt.

Die Lebenswelt der von Flüe liegt im Mittelalter. Es ist zunächst eine typische Familiengeschichte unter Viehzüchtern im Alpenraum vor 1500.

Wir wissen heute, wo junge Paare damals in Obwalden zu Tanze gingen, was auf den Märkten in Sarnen und Luzern gekauft wurde und dass Innerschweizer jährlich 10 000 Stück Vieh über vier Pässe auf Norditaliens Märkte trieben.

Was erlebt ein 14-jähriges Mädchen, das damals mit einem 30-jährigen Bauern verheiratet wird, dazu die Talseite wechselt, sich in den Weiler des Gatten integriert und in zwanzig Jahren zehn Kinder zur Welt bringt?

Was bedeutet es für die Bäuerin, dass der Gatte öfter abwesend ist: auf Kriegszügen, im Rathaus, und dann tagsüber häufig in der stillen Schlucht, nachts im Gebet statt im warmen Bett? Wie erträgt sie es, dass der Liebste in seinen Midlife-Jahren immer bedrückter und zerrissener wird, sich der Familie entfremdet und alle Ämter hinschmeisst?

Viele Männer machten sich damals in solchen Krisen auf Pilgerschaft. Nach Monaten kamen sie oft mit neuer Klarheit und Hingabe zurück. Dorothea schneidert ihrem Gatten ein Pilgergewand mit der Aussicht, dass er nicht wiederkehren könnte: von Gott wie Abraham in ein Land gerufen, das er nicht kannte.

Zwei Jahre rang er mit ihr in seiner immer stärker werdenden Sehnsucht «auszusteigen» – und sie mit ihm. Als ihr Ja zu seiner Gottespilgerschaft geboren war, gewann Dorothea auch die Kinder: erwachsene Söhne, noch Pubertierende und die ganz Kleinen. Hätte die Mutter mit der neuen Berufung ihres Mannes gehadert, das Ja der Kinder, in dem Niklaus ein Geschenk des Himmels erkennt, wäre unmöglich gewesen.

Zweimal zwanzig Ehejahre

Niklaus täuschte sich jedoch – so gut er auch in sich hinein, auf den Himmel und mit Dorothea gehört hatte! Nur Tage nachdem er Frau und Kinder ein letztes Mal umarmt hatte, kam der Pilger zurück. Nicht in der Fremde, sondern auf eigenem Grund und als Prophet sollte er seine zweite Berufung erfüllen: wenige Schritte vom Haus der Familie entfernt, als Ratgeber aus der Stille und als Friedensstifter.

Allzu sorgsam erhielt Dorothea zunächst Besuchsverbot in der Schlucht. Der älteste Sohn brachte die Fastenspeisen in den Ranft, bis der Vater gar nichts mehr ass. Dorothea wob ihm unterdessen die Eremitenkutte – und in diese hinein ihr neues Ja: das vierte nach dem Ja der Ehe, dem Ja zu Kindern und dem Ja zum Aufbruch des Gatten. Und sie prägte sein Leben im Ranft mit. Viele Besucher, die zu Niklaus absteigen, klopfen auch bei Dorothea an. Sie selbst ist unten an der Melchaa anzutreffen, feiert die Gottesdienste in der Ranftkapelle mit und päppelt Bruder Ulrich wieder auf – den Nachbar-Eremiten aus Memmingen, der das Totalfasten auch versuchte und nicht verkraftete.

Dorothea erlebt zweimal 20 Ehejahre, die zweite Hälfte äusserlich getrennt, doch innerlich tiefer verbunden. Ihr Jüngster, Niklaus junior, lernt beim Ranftkaplan Latein und studiert dank Vaters europäischer Berühmtheit an den Universitäten von Basel, Paris und Pavia. Er wird später Pfarrer in Sachseln, während seine ältesten Brüder als militärische Haudegen unter die regierenden Landammänner der Talschaft aufsteigen. Dorothea feiert die Hochzeiten ihrer Töchter und die Taufe der Enkelkinder mit, während Niklaus für sie alle betet.

Gemeinwohl – sozial und familiär

Dorothea und Niklaus hatten ein Gespür dafür, dass es ohne sorgsame Mitgestaltung der Gesellschaft kein privates Glück gibt. Im landwirtschaftlichen Alltag wie in Niklausens politischen Ämtern zeigt sich, wie hoch das Paar das gemeinsame Wohl der Menschen im Dorf wie auch im Talvolk und im Schweizer Bund schätzte.

Zeitkritische Beobachter sehen unsere moderne Gesellschaft in besorgniserregender Weise egozentrische Selbstverwirklichung kultivieren. Aus dem Engagement des Bauern, von Dorothea in seinen Ämtern unterstützt, und seiner Wirksamkeit als Ratgeber im Ranft sprechen politische Wachheit und
Mitverantwortung, die auch tief unten in der Schlucht keinen Rückzug in private Oasen zulassen.

Den Alltag gemeinsam zu gestalten, charakterisiert auch das Familienleben. Im Zusammenspiel liessen Bäuerin und Bauer ihren Hof florieren und eine Grossfamilie heranwachsen.

Dem Erfahrungsschatz der alpinen Gesellschaft entsprechend gab es klare Rollen für Mann und Frau, Eltern und Kinder. Heutige Vorstellungen von idealer Partnerschaft sehen das gemeinsame Glück oft im Teilen aller Aufgaben und setzen Gleichberechtigung mit «Fifty-Fifty» gleich. Gleichstellung darf allerdings nicht auf Gleichmacherei hinauslaufen. Dorothea und Niklaus setzen ihre unterschiedlichen Talente für das gemeinsame Ganze ein – und verändern im Lauf der Zeit ihre Rollenverteilung: Nach Niklausens Weggang übernimmt Dorothea in einem neuen Zusammenspiel gemeinsam mit den zwei erwachsenen Söhnen die Verantwortung für Hof und Grossfamilie. Mit Blick auf die Kleinsten wirken ältere Geschwister als Miterziehende und der Vater im nahen Ranft als Begleiter.

Partnerschaft – bewegt und im Wandel

In zwanzig Jahren unter demselben Dach formen die Partner einander und werden durch den je andern geformt. In Niklausens Krisenzeit nimmt Dorothea seine wachsende Sehnsucht und Unruhe ernst, ringt mit ihm auf Augenhöhe, liest die gemeinsame Vergangenheit und öffnet sich zugleich einer neuen Zukunft.

Auch als das Paar äusserlich getrennte Wege geht, lebt die partnerschaftliche Beziehung weiter. Dorothea ist zweimal 20 Jahre mit Niklaus verheiratet: Ihr Miteinander ist in der zweiten Halbzeit nicht mehr an das gemeinsame Dach und Bett gebunden, sondern findet in Fernnähe eine innere Verbundenheit – und eine Freiheit, die sich von gängigen Erwartungen und vertrauten Mustern löst.

Auch moderne Beziehungsgeschichten kennen überraschende Wendezeiten. Paare wechseln nach Jahren in getrennte Schlafzimmer oder beziehen verschiedene Wohnungen. Ein vertrautes Nebeneinander weicht neuen Formen von Nähe und Zusammenspiel. Äusserliche Distanz eröffnet vielfach neue Chancen des Miteinanders in einer neuen Lebensphase. Der Blick auf die bewegte Geschichte von Niklaus und Dorothea kann uns heute auch die Frage stellen: Womit definieren wir selber Nähe und woran messen wir eine tiefere Verbundenheit in Partnerschaft oder Lebensgemeinschaft?

Die Paargeschichte des Niklaus und der Dorothea von Flüe spricht nicht nur in Partnerschaften, die um ihre Zukunft ringen, sondern auch in zerbrechende Beziehungen: Die beiden ermutigen Betroffene, das gemeinsam Erlebte loszulassen, eine neue Konstellation zuzulassen und sich auf eine neue Zukunft einzulassen.

Selbst wenn der Partner oder die Partnerin sich gemeinsamer Verarbeitung entzieht, kann das dreifache Lassen, gut begleitet, persönlich gelingen. Niklaus und Dorothea glückt dies individuell und gemeinsam. Im Durchleben, Verarbeiten und Neugestalten der gemeinsamen Geschichte trägt sie dabei – über gute Freunde hinaus – ihre je eigene Gottesbeziehung.

Text: Niklaus Kuster

Angebot laufend

Niklaus Kuster ist Kapuziner und Dozent an den Universitäten Luzern und Fribourg sowie an den Ordenshochschulen in Venedig, Madrid und Münster. Er leitet spirituelle Reisen nach Assisi und ist ein gefragter Referent und Autor.

Nadia Rudolf von Rohr studierte Germanistik, arbeitete danach in der Wirtschaft und leitet seit 2007 die Zentrale der Franziskanischen Laienbewegung (FG) der Deutschschweiz. Sie engagiert sich publizistisch, in der Erwachsenenbildung und als Reisebegleiterin.

Fernnahe Liebe – Niklaus und Dorothea von Flüe
Patmos 2017, 192 Seiten
ISBN 978-3-8436-0876-3

Angebot laufend

Staatsakt und nationale Gedenkfeier
Nach dem Staatsakt mit geladenen Gästen aus Politik und Gesellschaft gibt es kostenlose kulturelle Angebote mit Bezug zu Niklaus von Flüe (Präsentation des Weissen Buchs von Sarnen durch das Obwaldner Staatsarchiv im Rathaus, Führungen im Kloster St. Andreas in Sarnen, Besuch des Museums Bruder Klaus in Sachseln, des Wohn- und Geburtshauses von Bruder Klaus in Flüeli-Ranft).

So, 30. 4., 11.30, Apero Dorfplatz Sarnen; 12.30–16.00, Angebote in Sarnen, Sachseln und Flüeli Ranft

www.mehr-ranft.ch

Radbilder und Räderwerke
«Ins Zentrum – Radbilder und Räderwerke». In der Sonderausstellung sind in Haus und Garten Werke von achtzehn Künstlerinnen und Künstlern zu sehen, die sich eigenständig mit dem Betrachtungsbild von Niklaus von Flüe auseinandergesetzt haben.
9.4. bis 1. 11., Museum Bruder Klaus Sachseln

www.museumbruderklaus.ch

«ich bin der brunnen»
Inspiriert von Niklaus von Flües berühmter Brunnenvision stellt die Zürcher Künstlerin Maja Thommen drei für das Kloster Kappel geschaffene, betretbare Werke aus. Ergänzt werden diese interaktiven Werke durch Reliefs, Skulpturen und Bilder, die sich alle mit dem Thema des Fliessens, des Flusses und des Wassers beschäftigen.
Bis 15. 11., Kloster Kappel, Kappel am Albis

www.klosterkappel.ch

Rauminstallation
Niklaus von Flüe, Dorothea Wyss und ihre Seelsorger.
3.–20. 9., Ev.-ref. Kirche, Seebach ZH

www.stiftungbruderklaus.ch/gedenkjahr-2017

Vortrag und Exerzitien
Bruder-Klaus-Spezialist Roland Gröbli spricht über «Niklaus von Flüe: Mystiker – Mittler – Mensch». Im zweiten Teil wird über die Exerzitien informiert.
Mi, 5. 4., 20.00: Vortrag.
Je Mi, 3.–31. 5., 20.00–21.45: Exerzitien.
7. 6., 18.00: Abschlussveranstaltung.
Heilig Geist, Langfurrenstrasse 10, Wetzikon

www.kath-wetzikon.ch


Bruder Klaus: Mystiker oder Politiker?
Wissenschaftscafé der Theologischen Hochschule Chur mit Eva-Maria Faber, Theologische Hochschule Chur; Regierungsrat Franz Enderli OW; Claude Bachmann, Religionspädagoge; Moderation: Norbert Bischofberger, SRF.
Do, 6. 4., 18.00–19.30, Brandisstr. 12, Chur

www.thchur.ch


Nimm mich mir! – Eine szenische Recherche
Ein ökumenisches Projekt der Zürcher Kirchen zum 600-Jahre-Jubiläum von Niklaus von Flüe. Schauspiel: Annette Wunsch, Bodo Krumwiede, Ingo Ospelt. Regie: Hannes Glarner. Musik: Pudi Lehmann. Technik: Martin Burkhardt. Kostüme: Rudolf Jost. Produktionsleitung: Philippe Dätwyler.
12. 4., 20.00, Kulturhaus Helferei, Zürich: Uraufführung

Aufführungen: www.nimm-mich-mir.ch


Visionsgedenkspiel
Niklaus von Flüe hat Visionen erfahren und vermittelt, die von grosser Tiefe und Symbolik sind; sie sind ein einmaliges Vermächtnis des Spätmittelalters. Im schlichten, geschlossenen Spielraum auf einer freien Wiesenfläche zwischen Sachseln und Flüeli-Ranft wird ein berührendes Erlebnis für ein nationales Publikum geschaffen.
19. 8.–30. 9., Sachseln/Flüeli-Ranft

www.mehr-ranft.ch/visionsgedenkspiel/

Der Eremit – eine Begegnung mit Niklaus von Flüe
Das Theaterstück von Paul Steinmann verbindet die Lebensthematik des Eremiten mit persönlichen und aktuellen sozialpolitischen Themen. Inszeniert: Dieter Ockenfels.
24. 8., 14.30, Pfarrei Bruder Klaus, Zürich

www.mehr-ranft.ch/projekte

Radbild-Klänge
Arte Rumori vertont das Radbild von Bruder Klaus mit besinnlichen Klangbildern.
25. 8., 23.00, und 26. 8., 2.00, Kirche Kloster Kappel (Klosternacht von 20.00 bis 6.30).

www.klosterkappel.ch

30. 9., 19.30, Kapelle Bruder Klaus,
Au, Wädenswil

www.arterumori.ch

Niklaus von Flüe – unterwegs
Passanten und Interessierte finden im Bruder-Klaus-Mobil Informationen über Werte und Wirken des Friedensbotschafters und Ratgebers. Während fünf Minuten der Stille und Einsamkeit bekommen sie Gelegenheit, über sich nachzudenken und sich mit den Fragen des Lebenssinns auseinanderzusetzen.
31. 7.–2. 8., Stadt Zürich, Grossmünsterplatz

www.mehr-ranft.ch