Ivo Graf, Gefängnisseelsorger

Traumjob hinter Mauern

Gefangene nicht auf Delikte reduzieren, sondern ihre Stärken fördern: Dafür engagierte sich Seelsorger Ivo Graf in der Justizvollzugsanstalt Pöschwies.

Stacheldraht, ein Stück freies Feld, eine dicke Mauer mit einer kleinen Tür, Einlass nur nach Voranmeldung. Ausweis- und Personenkontrolle wie am Flughafen, Abgabe von Handys und Computern: Nun empfängt uns Ivo Graf, seit 14 Jahren Gefängnisseelsorger in der JVA Pöschwies in Regensdorf. «Ich fühle mich hier zuhause», sagt er und führt uns an Gebäuden in gelbem Backstein vorbei, durch Gänge mit Türen und Geländern in hellem Blau. 

«Wir sind hier ein ganzes Dorf – einfach hinter Mauern», erklärt der Gefängnisseelsorger in seinem Büro neben dem Andachtsraum, wo jeden Sonntag Gottesdienst gefeiert wird, am Freitag das Gebet für die Muslime. Sechs christliche Seelsorger und drei Imame kümmern sich um rund 400 Insassen, die im Kurzstrafvollzug, in einer längeren Strafe, einer stationären Massnahme oder in der Verwahrung hier sind.

«Wir werden als Seelsorgende sehr ernst genommen von der Gefängnisdirektion», sagt Graf. «Sie anerkennen, dass wir eine wichtige Funktion haben.» Mit den Insassen, die dies wünschen, werden Gespräche abgemacht. «Oft können wir nicht viel tun. Es geht dann darum, mit den Gefangenen ihre Situation auszuhalten», erzählt Graf. «Wir können ihnen Raum geben, wo sie auch weinen, schreien oder fluchen können, ohne dass dies gleich Konsequenzen im Strafvollzug nach sich zieht.» Die Schweigepflicht sei ein Privileg und ermögliche viel Vertrauen. Wichtig sei auch der Humor: «In all der Ohnmacht hilft es, zusammen zu lachen.»

Belastet hat ihn die Arbeit nicht: «Ich kann mich gut abgrenzen», sagt er. Die grösste Hilfe sei
der Austausch der Pöschwies-Seelsorgenden untereinander. Statt die Gefangenen auf ihr Delikt zu reduzieren, versuchen die Seelsorgenden, ihre Ressourcen wahrzunehmen. «Kürzlich hat ein Gefangener ein tolles Rap-Konzert gegeben, das wir mit ihm erarbeitet haben.» Es gehe letztlich um eine innere Befreiung, die auch in äusserer Unfreiheit möglich sei.

«Es war ein Traumjob für mich», sagt Ivo Graf, der ab 1. April in Pension ist: Er freut sich auf seine Aufgaben als baldiger Grossvater, die Auszeit auf dem Jakobsweg und im Piemont als freiwilliger Gästebegleiter engagiert. Seine Erfahrung wird in Supervisionen, die er für den CAS-Lehrgang für Gefängnisseelsorge an der Universität Bern anbietet, einfliessen. Die kleine Tür in der dicken Mauer aber bleibt nun zu.

Text: Beatrix Ledergerber-Baumer