Die Malerin Nelly Schenker

Vom Verdingkind zur Künstlerin

Aus tiefster Armut und Jahren in Heimen hat Nelly Schenker einen Weg und in den Glauben gefunden.

Spielsachen hatte sie als Kind keine. «Ich habe mit Mäusen gespielt und mit Jesus am Kreuz gesprochen, von dem ein Bild an der Wand hing.» Das liest die heute 67-jährige Nelly Schenker den rund 30 Zuhörenden im Café der Pfarrei St. Felix und Regula im Zürcher Kreis vier aus ihrer Autobiografie vor – und duckt sich dabei in sich selbst hinein.

Nelly Schenker wuchs in den Fünfzigerjahren nahe Freiburg auf. Sie wohnte mit ihrer Mutter im Keller von Grossmutters Haus, in bitterster Armut und beschimpft von den Verwandten. Mit sieben Jahren kam sie ins erste Heim, dann in weitere und schliesslich in die Psychiatrie. Einmal büxte sie aus und stellte sich in einer Schule vor,
wurde aber abgewiesen. Ab 18 Jahren schlug sich mit illegaler Arbeit durch.

«Wir sind tote Lebendige, mich hat als Kind niemand ernst genommen», sagt Schenker. Das Buch sei «die Geschichte des erbitterten Kampfes einer Frau gegen Ausschluss und Unwissenheit», schreibt Alt-Bundesrätin Ruth Dreifuss im Vorwort, zutiefst erschüttert.

«Nelly wurde nie eingeschult und musste Kinderarbeit verrichten – wie alle Verdingkinder», erklärt Noldi Christen. Christen gehört der Bewegung ATD Vierte Welt an, die den Anlass bestreitet. Auch Schenker ist in der Bewegung, die sich in 34 Ländern für die Ärmsten in der Welt einsetzt. Hier habe man ihr erstmals richtig zugehört, sagt die Frau. Hier wurde sie akzeptiert, wie sie war. 

Schenker heiratete, bekam zwei Kinder, lernte mit ihnen lesen und begann zu malen. Blumen in Orange und Rot oder ein Fisch, naturgetreu bis abstrakt, sind auf ihren Bildern zu sehen. Armut und Analphabetismus seien auch im Quartier versteckt präsent, sagt Gertrud Würmli, Gemeindeleiterin der Pfarrei. Die Kirche bietet Deutschkonversation, Bewerbungshilfen und vermittelt Unterstützung.

Den Abend mit Nelly Schenker moderierte Detlef Hecking. Der Leiter des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks hatte den Kontakt zwischen ATD und Pfarrei vermittelt. Das hier sei gelebte Bibelarbeit, erklärt er. Denn Gottes Reich habe mit sozialer Gerechtigkeit zu tun. Auch das ehemalige Verdingkind wirkt dabei mit: Schenker leitet in Basel eine Bibelgruppe für andere Benachteiligte.

Die Ausstellung der Bilder von Nelly Schenker im Café St. Felix und Regula dauert bis 9. Juli. 

Text: Regula Pfeifer, freie Journalistin

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«Malen baut Brücken zwischen Menschen», sagt Nelly Schenker.
«Malen baut Brücken zwischen Menschen», sagt Nelly Schenker.

Foto: Regula Pfeifer