Stolpersteine

«Vorsehung»

Mich friert es, wenn ich bei Abdankungsfeiern den Satz höre: «Nach Gottes ewigem Ratschluss ist er von uns gegangen.» Hat es Gott also seit ewigen Zeiten geplant, dass dieser 28-jährige Familienvater von einem LKW überfahren wird oder jenes Kind mit einem genetischen Fehler zur Welt kommt und nach wenigen Tagen stirbt? In einer Diplomarbeit musste ich unlängst sogar lesen: «Da Gott die Taten der Menschen beeinflusst, beeinflusst er ja somit auch, ob ein Mensch Suizid begeht oder nicht.»

Gott, der Allwissende und Allmächtige, der schon längst vor unserer Geburt unsere Todesstunde kennt und alles daraufhin lenkt? Ganz ehrlich: An so einen Gott möchte ich nicht glauben. Ich bin froh, dass in dem neuen Manuale für Begräbnisfeiern (2012) dieses Gebet aus dem alten (1972) herausgenommen wurde: «Allmächtiger Gott, hilflos stehen wir dem Sterben unserer Lieben gegenüber; es fällt uns schwer, deine Pläne zu begreifen und zu bejahen.» Denn Gott hat nach meiner Überzeugung zwar sinnvollerweise den Tod an sich in sein Schöpfungswerk eingeplant, aber sicher nicht, wer wann wie stirbt.

Wenn wir heute von Vorsehung, Prädestination oder von der Gerechtigkeit Gottes (Theodizee) sprechen und warum Gott das Leid zulässt, obgleich er doch nur das Gute will, dann geht das nicht, ohne die Freiheit des Menschen aussen vor zu lassen. Die göttliche Vorsehung will, dass es uns – allen Menschen und Geschöpfen – gut geht, dass wir ein Leben haben und führen, wie er es uns zugedacht, verheissen hat.

Aber das gelingt halt nicht immer. Und meistens gehen Ursachen für Unglück und Leid auf Entscheidungen von Menschen zurück, nicht auf Gottes Vorsehung! Selbst bei unergründlichen Katastrophen sollten wir vorsichtig sein, Gott ins Spiel zu bringen.

Der Glaube an die Vorsehung Gottes heisst für mich, dass er unverbrüchlich zu seinem Wunsch steht, dass es mir und allen Menschen gut geht – und dass er mich und alle Menschen dafür vorgesehen und berufen hat, dass wir seinen Wunsch teilen und das uns Mögliche tun, damit dieser Wunsch in Erfüllung geht. Gottes Vorsehung, Gottes Bild vom Menschen ist nicht das einer Marionette, deren Fäden er abschneidet, wann und wie er will, sondern einer selbstständigen Person, die in Freiheit mit ihm lebt, liebt und leidet.

Text: Rudolf Vögele, Leiter Ressort Pastoral im Generalvikariat Zürich-Glarus