Interview zur Stadtpastoral

Auf neuen Wegen

Die städtische Bevölkerung nimmt zu, nicht aber die Zahl der Kirchenmitglieder. Wie wird Kirche im urbanen Lebensraum neu erfahrbar?

forum: Die Pfarreien erreichen die städtische Bevölkerung nicht mehr – gibt es darum das neue Projekt «Urbane Kirche»?

Thomas Münch: Nein, die Pfarreien sind weiterhin die in den Quartieren sichtbaren und glaubhaften Orte lebendiger Kirche, wo Beziehungen gelebt, gefeiert, Menschen in den Glauben eingeführt werden. «Urbane Kirche» ergänzt die Angebote der Pfarreien und spricht jene Menschen an, die nicht kirchlich beheimatet sind.

Andreas Beerli: Wir wollten aber nicht – wie in anderen Städten – eine Citypastoral aufbauen, die sich auf das Stadtzentrum beschränkt. An den Rändern der Stadt wachsen vielbevölkerte Quartiere. Darum legen wir den Fokus auf die Themen Spiritualität und Musik und lancieren Angebote dazu an ganz verschiedenen Orten, teilweise auch ortsunabhängig.

Gertrud Würmli: Als katholische Kirche in der Stadt Zürich haben wir nach wie vor den Auftrag, das Evangelium zu verkünden, in Wort und Tat. Das möchten wir nicht nur in den Pfarreien, sondern auch im öffentlichen Raum tun, im Sinne der Reich-Gottes-Theologie. Wenn sich die Gesellschaft verändert hat und viele sich nicht mehr binden möchten oder Mühe mit Institutionen haben, dann müssen wir neue Wege gehen.

Engagiert für das Projekt «Urbane Kirche»: Andreas Beerli (links), Seelsorger an der Predigerkirche, Leiter Gefängnisseelsorge - Gertrud Würmli, Gemeindeleiterin St. Felix und Regula Zürich - Thomas Münch, Verantwortlicher Stadtpastoral Zürich, Leiter Sihlcity-Kirche.

Engagiert für das Projekt «Urbane Kirche»: Andreas Beerli (links), Seelsorger an der Predigerkirche, Leiter Gefängnisseelsorge - Gertrud Würmli, Gemeindeleiterin St. Felix und Regula Zürich - Thomas Münch, Verantwortlicher Stadtpastoral Zürich, Leiter Sihlcity-Kirche. Foto: Christoph Wider

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Also denken sich einige theologische Fachpersonen etwas aus.

Andreas Beerli: Es sind nicht Ideen von wenigen Personen, sondern Ausdruck eines langen Prozesses. An Dekanatsweiterbildungen und Veranstaltungen wurde immer wieder das Bedürfnis geäussert, nicht einfach die Hände zu verschränken und zu klagen. Dass wir neue Wege suchen, wie das Christliche, wie diese wunderbare Botschaft besonders in der Stadt gelebt und dabei die hiesigen Rahmenbedingungen berücksichtigt werden, wird von ganz vielen getragen.

 

Ob diese Ideen die Menschen von heute wirklich ansprechen?

Thomas Münch: Wenn wir die christliche Botschaft neu in die Vorstellungswelt und Sprache unserer Zeit übersetzen wollen, müssen wir die Perspektive wechseln. Deshalb schlagen wir keine fertigen Konzepte vor, sondern erarbeiten die Angebote zusammen mit den angesprochenen Menschen. So kommt das Hilfsprojekt, für das der Chor singt, aus ihrer Mitte.

Gertrud Würmli: Statt ein spirituelles Angebot für junge Menschen zu definieren, laden wir Studierende der Kunsthochschule ein, Kirchenräume kennenzulernen und ein Projekt zu verwirklichen, das – aus ihrer Sicht und ihrem Erleben – die Spiritualität des Kirchenraumes ausdrückt. Gleichzeitig ermöglicht diese Performance allen Kirchenbesuchenden eine neue Sicht auf den Kirchenraum und damit auch die Möglichkeit, neu berührt zu werden.

Thomas Münch: Wir haben drei spezielle Kirchen ausgewählt: Bei St. Felix und Regula klingt es – je nachdem, wo man sich im Raum befin-
det – ganz anders. In der Andreaskirche hat es eine spezielle Lichtführung, und die Kirche St. Josef hat einen besonderen Stilmix.

 

Junge Menschen ohne Glaubenshintergrund drücken eine spirituelle Erfahrung aus – wie kann damit die christliche Botschaft verkündet werden?

Andreas Beerli: Die christliche Botschaft geht vom Kirchenraum aus, und die jungen Menschen zeigen, was das in ihnen bewirkt. Wenn es ums christliche Wissen geht, haben wir Bildungs-Projekte, in Zusammenarbeit mit der Paulus Akademie und der katholischen Hochschulgemeinde aki.

Gertrud Würmli: Auch wenn nicht gerade ein Gottesdienst gefeiert wird, kann man all die Dankes-, Lob- und Bittgebete, die Klagen und die Freude spüren, der Raum ist davon aufgeladen. Wir wollen diese Räume für neue Menschen öffnen und im Austausch mit ihnen kann sich alles Mögliche entwickeln.

 

Sie haben also eine Idee für ein Projekt, wissen aber nicht, wohin das führt?

Thomas Münch: Genau. Wir entwickeln die Projekte nicht im Elfenbeinturm. Für die «spirituellen Stadtführungen» werden wir mit Studierenden eine App entwickeln. Dazu haben wir überlegt, an welchen Orten in Zürich der Rundgang vorbeikommen müsste. Im Mai machen wir dazu einen Workshop mit Doktoranden und Studierenden, umgesetzt wird die App mit einem Start-up-Unternehmen. Bestimmt wird sich vieles von dem, was wir vorschlagen, verändern.

Andreas Beerli: Das ist ja eines der Probleme, die wir in der Kirche oft haben: Wir machen tolle Angebote, und niemand kommt. Dabei ist es nicht ein Nachfrage-Problem, sondern ein Angebotsproblem. Wir wissen nicht, was die Leute – die sich ausserhalb unserer Pfarreien bewegen – möchten. Es gibt soziologische Studien, aber am besten entwickeln wir die Angebote direkt mit denen, an die sich diese richten.

 

Fühlen sich die Pfarreien dabei nicht übergangen?

Andreas Beerli: In unseren Arbeitsgruppen sind immer Vertreterinnen oder Vertreter der Pfarreien dabei, das braucht es unbedingt. Es geht auch darum, bereits bestehende Angebote in Pfarreien zu öffnen für ein breiteres Publikum.

Thomas Münch: Der katholische Stadtverband Zürich hat diese 20-Prozent-Stelle geschaffen: Verantwortlicher für das Projekt Pastoral im urbanen Raum. Ich bin also nur Motivator und Koordinator, mache Abklärungen und schaue, dass alle auf dem gleichen Informationsstand sind.

Gertrud Würmli: Die Projekte entwickeln wir in der Begleitkommission, und da sind zwei der vier Leute gleichzeitig auch verantwortlich in Pfarreien tätig. Weiter sind ein Dekan und ein Vertreter des Generalvikariates dabei. Da sind Austausch und die Zusammenarbeit gegeben.

 

Das neue urbane Projekt wird nur vom katholischen Stadtverband getragen. Profiliert sich damit die katholische Kirche?

Thomas Münch: Das ist genau nicht unser Ziel! Eine urbane Kirche ist ökumenisch – oder sie ist gar nicht. Denn diese Unterscheidung liegt den Menschen ohne kirchliche Bindung fern. 

Andreas Beerli: Deshalb sind in allen Arbeitsgruppen Mitglieder der reformierten und christkatholischen Kirche dabei, eine reformierte Kirche gehört zum Architektur- und ein reformiertes Kirchgemeindehaus zum Chorprojekt.

Thomas Münch: «Urbane Kirche» eignet sich nicht als Alleinstellungsmerkmal für eine Konfession, sondern eher als Brückenfunktion. Wenn wir unsere Überzeugungen in den öffentlichen Raum tragen, müssen wir uns breit vernetzen. Wir haben Kontakt mit dem Zoo für das Projekt «Stadt und Natur», wir sind in Kontakt mit Universitäten, dem FCZ, mit Quartiervereinen…

 

Es entstehen also neue kirchliche Angebote, und über die Medien werden diese öffentlich bekannt?

Andreas Beerli: Wenn das entsteht, ist es gut, aber es ist nicht das Hauptziel. Urbane Pastoral ist keine PR-Aktion der Kirche. Sonst würden wir anders arbeiten.

Gertrud Würmli: Es ist überhaupt nicht eine Image-Kampagne, um irgendetwas, das schiefläuft, mit einem schönen Film zu überdecken. Nein, es ist ein schonungsloses Hinschauen, wie sich Gesellschaft und Kirche verändert haben. Wir möchten wie Jesus, der unterwegs war in den Dörfern und Städten, wie Paulus, der auf den Marktplätzen mit den Leuten redete, wieder in einen lebendigen Austausch treten mit den Menschen unserer Zeit.

Text: Beatrix Ledergerber

Angebot laufend

Im ersten Projekt von «Urbane Kirche Zürich» singen junge Leute für ein innovatives Solar-Energie-Projekt in Burkina Faso.
Im ersten Projekt von «Urbane Kirche Zürich» singen junge Leute für ein innovatives Solar-Energie-Projekt in Burkina Faso.