Wiederaufbau in Kolumbien

Kirche als Motor

Sie nennen ihn den Engel von Mocoa. Padre Omar Parra verteilt Hilfsgüter, spendet Trost und packt an. Der katholische Priester ist ein Hoffnungsträger in der von einer Schlammlawine zerstörten kolumbianischen Stadt.

«Es fehlt an allem. Trinkwasser, Hygienemittel, Decken», zitiert die Tageszeitung «El Tiempo» den Priester. Parra ist das Sprachrohr der Menschen vor Ort. Mocoa ist nach der schicksalhaften Nacht vom 31. März  auf Hilfe angewiesen. Denn die Stadt mit ihren 40 000 Bewohnern ist seit der durch verheerende Regenfälle ausgelösten Schlammlawine fast komplett von der Versorgung abgeschnitten.

 

Kein Strom, weil von einem Verteilerwerk nur noch das Gerippe steht. Kein Wasser, kein Gas. Alles hat der Schlamm mitgerissen. Zwar hat die kolumbianische Regierung einen Sonderbeauftragten für den Wiederaufbau benannt. Doch der steckte schon mal einen bedrückenden Zeitrahmen ab: Rund zwei Jahre werde es dauern, bis die Stadt wieder voll funktionstüchtig sei.

In dem Chaos ist die katholische Kirche so etwas wie der Motor des Wiederaufbaus. Keine andere Institution in Kolumbien ist auch in den vom Bürgerkrieg gezeichneten Regionen so präsent wie die Kirche. Sie ist auch dort vor Ort, wo der Staat aufgrund von Konflikten mit Guerillagruppen oder paramilitärischen Banden fernblieb.

 

«Der Staat war in den vergangenen Jahrzehnten nicht präsent. Die Menschen haben unter den Kämpfen zwischen den verschiedenen Rebellengruppen, den Paramilitärs und Regierungstruppen schwer gelitten», sagt Thomas Jung, Kolumbien-Experte des deutschen Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat. Die Kirche als Ratgeber und Trostspender – das hat hingegen Tradition in Mocoa.

Staatspräsident Juan Manuel Santos besuchte die Stadt in den ersten Tagen nach dem Unglück. Armee, Polizei und internationale Hilfskräfte leisten seitdem fast schon Übermenschliches. Stars wie die Sängerin Shakira oder der Kapitän der kolumbianischen Fussballnationalmannschaft James Rodriguez rufen zu Hilfe auf oder beteiligen sich durch Spenden selbst. Die Guerilla-Organisation Farc sammelte nach eigenen Angaben zwei Tonnen Hilfsgüter für die Opfer. Kolumbien rückt in der Stunde der Katastrophe zusammen.

Die Dimension des Unglücks wird aber erst nach Tagen wirklich deutlich. «In Mocoa herrscht Chaos. Die Grösse der Tragödie ist unvorstellbar. Die Bilder und Berichte, die in den Medien kursieren, bilden das wahre Ausmass nicht ab», sagte Padre Campo Elias de la Cruz unmittelbar nach seiner Rückkehr aus der Stadt dem Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat. Die bisherige Bilanz: Hunderte von Toten und Verletzten. Die Zahlen könnten noch weiter steigen: Zuletzt wurden auch an weit entlegenen Stellen noch Leichen angespült. 

 

In der unübersichtlichen Lage kommt auf den Bischof von Mocoa-Sibundoy, Luis Albeiro Maldonado Monsalve, eine besondere Aufgabe zu. Er soll die Hilfe vor Ort koordinieren, berichten lokale Medien. Inzwischen hat der Bischof ein eigenes Konto eingerichtet.

Die politische Aufarbeitung des Unglücks steht hingegen noch bevor. Örtliche Medien zitieren aus politischen Debatten, in denen vor Monaten vor genau diesem Szenario gewarnt worden sei. Mocoa liegt in einer Hochrisiko-Zone. Es steht zu befürchten, dass in den regenreichen Monaten weitere Unglücke folgen. 

Text: Tobias Käufer, kna/kath.ch