Naturbursche de luxe

Was für meine Grosseltern die Plage des Alltags war, ist für mich ein Sinn stiftendes Freizeitvergnügen.

Als ich vor zwei Jahren beschloss, einen Rumtopf anzusetzen, wussten viele meiner Freunde gar nicht mehr, was das sein sollte. Selbst im Haushaltwarengeschäft mussten sie tief ins Lager hinuntersteigen, bis sie einen Topf fanden, der dafür geeignet war. Das Überbleibsel aus den 80er-Jahren überliessen sie mir dann vergünstigt,
so dankbar waren sie, den Ladenhüter endlich loszuwerden.

 

Inzwischen ist Handarbeit wieder angesagt. Zumindest unter uns Städtern. Wir lassen auf dem Fensterbrett die Kräuter wuchern, beackern in Gemüse-Genossenschaften von der Zivilisation aufgegebene Felder und stampfen unser Sauerkraut selbst.

Wenn ich meiner Mutter von meinen Grosstaten als Selbstversorger berichte, sehe ich sie schon leise in sich hineinschmunzeln. Sie ist am Walensee aufgewachsen. Was die Touristen an sonnigen Ausflugstagen in Quinten als Idylle bewunderten, war die meiste Zeit des Jahres ein hartes Leben ohne Zentralheizung, ohne fliessendes Wasser im Haus und mit einem Plumpsklo in einem Verschlag auf der Wiese. Der Traum von einer autofreien Zone war bei Tag betrachtet einfach nur höchst anstrengend und unbequem. Und so hat meine Mutter in ihrer Jugend bestimmt Handarbeit und Selbstversorgung für mehrere Leben geleistet.

Ich dagegen verbringe meine Tage vor Bildschirmen und träume vom einfachen Leben im Einklang mit der Natur. Von einem Leben, wo wieder klar ist, dass die Milch nicht ins Tetrapak
gehört und das Fleisch nicht in die Plastikschale. Von einem kabelfreien Leben, das Sinn macht bis zum Geht-nichtmehr.


Ich vermute, dass meine Grosseltern jedes Haushaltsgerät vorbehaltlos ans Stromnetz angeschlossen hätten, wenn sie sich das Gerät und den Strom hätten leisten können. Sie wären dankbar gewesen für jede Möglichkeit, den Alltag etwas leichter zu gestalten. Und hätten sich wie Kinder gefreut, auch mal ganz zweckfrei in einem Buch zu lesen.

Ich dagegen gehe den entgegengesetzten Weg, weil ich mir vor lauter maschinell frei gewordener Zeit kaum mehr zu helfen weiss. Und so ist der ganze Stolz in meiner Wohnung nicht das tadellos funktionierende WLAN, sondern der uralte Schüttstein in der Küche.

In den letzten Jahren haben kirchliche Bildungshäuser aufgerüstet, um mit der Zeit Schritt halten zu können. Nun haben sie endlich alle WLAN bis in den letzten Winkel. Und sind damit schon wieder einen Schritt zu spät. Denn wir Sauerkrautstampfer haben das Digital Detoxing entdeckt und wünschen uns Ferien von der Vernetzung. Und weil wir das allein nicht hinkriegen, bezahlen wir gerne dafür, dass man unser Handy bis zur Unbrauchbarkeit stört.