Stolpersteine

«Gericht»

Wenn wir etwas richten, wenn wir die Wohnung einrichten, den Tisch festlich herrichten, eine Aufgabe verrichten, dann ordnen wir.

Wenn wir den Kompass oder eine Nachricht ausrichten, ein Erlebnis berichten oder ein Denkmal errichten, dann orientieren wir. Und wenn wir jemanden aufrichten, kommt beides zusammen: Wir helfen Ordnung in eine verstörende Lebenssituation zu bringen, indem wir beispielsweise trösten, eine Neuorientierung vorschlagen, eine andere Sicht auf die konkrete Situation.

So wird es auch sein, wenn wir gerichtet werden. Wir werden als Einzelne und als Menschheit geordnet und orientiert.

Angesichts der grösseren und kleineren Unordnungen, die unser Leben belasten, und noch viel mehr angesichts des Chaos, in dem unsere Welt dahintaumelt, könnten wir eigentlich das Letzte Gericht sehnlichst erwarten.

Die Verheissung des göttlichen Gerichts ist seit jeher eine Hoffnungsbotschaft: «Auf das Kommen deines Gerichts vertrauen wir. […] Denn dein Gericht ist ein Licht für die Welt.» (Jesaja 26,7–9) – «Die Nationen sollen sich freuen und jubeln. Denn du richtest den Erdkreis gerecht.» (Psalm 67,5) – So ist es uns im Gebetsschatz des Ersten Testaments überliefert.

Es war ein massiver Missbrauch der Verkündigung des Gerichts, dass damit buchstäblich Höllenängste geschürt wurden, unter denen Menschen ein Leben lang litten. Dies diente gerade nicht der Hoffnung auf Gott, sondern der Herrschaft durch Menschen. Allein: diese Gerichtsvorstellung ist nicht biblisch.

Aber die Hoffnung, dass sich in Gottes Geschichte mit den Menschen seine Liebe durchsetzt, bedeutet für den biblischen Glauben nicht den Verzicht auf die Gerichtsverkündigung. Denn Gott liebt gerade und zuerst die Opfer.

Unser Wunsch nach Vergebung für die Schuldigen darf die Sehnsucht nach Erlösung der Leidenden nicht verdrängen. Diese Gefahr besteht aber, wenn wir die Rede von Gottes Gericht hinter uns lassen, in dem die Gewalttätigen zur Rechenschaft gezogen werden. Denn damit würde auch die Hoffnung auf Überwindung von Gewalt gestrichen.

Indem Gott richtet, bleibt er seiner Liebe treu. Auch seiner Liebe gegenüber Täterinnen und Tätern. Das hebräische Wort schafat (richten) meint die Wiederherstellung der guten Lebensordnung, die von Unrecht und Gewalt zerstört wurde. Das kommt allen, auch den Täterinnen und Tätern, zugute.

Wir können es uns deshalb leisten, die Gerichtsverkündigung als Frohbotschaft zu hören. Wir brauchen den Opfern nicht unsere Stimme zu verweigern, indem wir Gottes Gericht aus Furcht vor eigenen Nachteilen verschweigen.

Text: Alexandra Dosch, Diözesane Fortbildungsbeauftragte