Erfahrungsbericht

Phönix aus der Asche

Stephanie Ventling erzählt ihre eigene «Recovery»-Geschichte.

«Was habe ich gelernt? Für mich gibt es kein Zurück. Jede zwanghafte Hektik destabilisiert mich und macht mich krank. Im Gegenteil, ich muss innehalten, ungewohnte Pausen einlegen, auf meine wahren Bedürfnisse achten und meine Tendenz zu impulsiven Handlungen kontrollieren lernen. Es ist notwendige, innerste Schwerarbeit. Gerade weil mein Bemühen äusserlich nicht sichtbar ist, kann ich nicht auf die Anerkennung von aussen hoffen. Niemand kann mir das abnehmen. Es gehört viel Trauerarbeit dazu.

Heute übe ich ein neues Leben, das auf einer ganzheitlichen Selbstwahrnehmung aufbaut. Natur und Gebet helfen mir. Neue Rhythmen von Selbstsorge und Pflege gehören dazu. Ich lerne, Grenzen zu ziehen zu Menschen und Situationen, die mir nicht dienlich sind. Auf mich zu hören, mit aller Konsequenz. Meiner Beobachtungsgabe und sensiblen Wahrnehmung zu trauen. Selbst zu bestimmen, ohne destruktiv zu sein. Immer wieder den inneren Frieden, hier und jetzt, der früheren Leidenschaft und pulsierenden Dynamik vorzuziehen. Es ist eine Entscheidung, für die ich oft Mut und Kraft und Hoffnung tanken muss.

Gespräche mit Gleichgesinnten sind dabei unersetzlich. Ich treffe mich noch heute regelmässig mit einer Gruppe aus meiner ersten Klinikzeit. Ich habe an mehreren Trialog-Veranstaltungsreihen teilgenommen und in Zürich eine Selbsthilfegruppe gegründet. Ich habe Verständnis für die unsäglichen Zwischenwelten im Leben, wenn man das Gefühl hat, nichts passt und nichts funktioniert mehr wie vorher.

Es gibt Tage, da weiss ich nicht, wer ich bin, kann mich mit nichts identifizieren. An anderen Tagen spüre ich, wie mein Leben beseelt und einzigartig ist. Es sind viele psychische Erkrankungen in meiner Ahnenlinie vorhanden. Ich lerne, meine Geschichte zu verstehen. Für mich und für zukünftige Generationen, damit sie in Liebe und in Freiheit sich selbst entfalten können. Jüngst habe ich eigenhändig Bäume gesetzt als Symbole für Wachstum. Ich übe, mir und anderen zu vergeben. Ich achte darauf, dass Geben und Nehmen im Einklang sind. Ich steige aus der Asche wie Phönix, das ist mein Leitbild.»

Text: Stephanie Ventling

Fotoausstellung

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Sie möchten als Pfarrei oder als Verein zeigen, dass psychische Erkrankungen heilbar sind? 

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Die Wanderausstellung «Die Hoffnung trägt» porträtiert Menschen, die den Recovery-Weg
erfolgreich gegangen sind, und lässt sie erzählen, was ihnen bei der Genesung geholfen hat.

Bei Interesse wenden Sie sich bitte an:
Gianfranco Zuaboni
Sanatorium Kilchberg
g.zuaboni@sanatorium-kilchberg.ch 
Telefon 044 716 43 01

Buchtipp

Angebot laufend

Der Text von Stephanie Ventling stammt aus dem Sammelband «Die Hoffnung trägt»: Psychisch erkrankte Menschen und ihre Recovery-Geschichten.

Michael Schulz, Gianfranco Zuaboni (Hg.)
Balance-Verlag 2014, Fr. 35.50
ISBN 978-3-86739-090-3