Narrenschiff

Schamgefühle von gestern

Es gab tatsächlich eine Zeit, da musste man sich für Schamgefühle schämen.

Ich war ein zwölfjähriger Primarschüler, als wir von unserem Lehrer aufgefordert wurden, nach dem Sportunterricht nackt zu duschen. Ich habe das zwar nicht als Missbrauch empfunden. Und soweit ich mich erinnern kann, war der Lehrer beim Duschen nicht anwesend.

Aber ich habe mich geniert. Es war mir peinlich, mich vor meinen Schulkollegen nackt zu zeigen. Und ich habe meinen Eltern meine Not geschildert. Sie haben sofort reagiert und meinem Lehrer unmissverständlich klar gemacht, dass ihr Sohn auch zukünftig in der Badehose duschen werde.

Das war in den 70er Jahren. Und wer nun erwartet, ich hätte Applaus gekriegt, weil ich mutig «Nein» gesagt hatte, und meine Eltern seien gelobt worden, weil sie für mich einstanden, der täuscht sich gewaltig.

Der Mainstream floss damals in eine andere Richtung: Ich war nicht normal und wurde gehänselt. Und meine Eltern mussten sich als verklemmt und reaktionär beschimpfen lassen, weil sie eigene und fremde Schamgefühle ernst nahmen und darauf verzichteten, vor ihren vier Söhnen naturnackt durch die Wohnung zu lustwandeln.

Scham galt damals in der angesagten Pädagogik als ein falsches Gefühl, das uns ausgetrieben werden sollte, weil es Ausdruck von Verklemmtheit und Unterdrückung sei. In der Schweiz wurde ernsthaft über die Senkung des Schutzalters auf zehn oder zwölf Jahre diskutiert.

Sexuelle Übergriffe und Missbräuche waren und sind Unrecht, das auch Jahrzehnte danach noch geahndet werden soll. Die Täter haben nicht zuletzt das Schamgefühl missbraucht, weil sie zunächst das Opfer in seiner Scham brutal verletzt haben und danach genau diese Scham weiter ausnutzten, um das Opfer zum Schweigen zu bringen.

Schweren Schaden hat einem gesunden Schamgefühl aber auch jene Kirchenlehre und Beichtpraxis zugefügt, die Kindern Schuldgefühle einreden wollte, wo weit und breit keine Schuld sein konnte.

Es wäre aber auch an der Zeit, dass achtsame Menschen wie meine Eltern rehabilitiert würden, die damals ihre Kinder ernst genommen und geschützt haben. Es ist mir deshalb nicht wohl dabei, wenn Kritiker des frühzeitigen Sexualkundeunterrichts heute noch gerne pauschal als ewiggestrige Verklemmte hingestellt werden.

Wenn wir Kinder und ihre Rechte wirklich ernst nehmen wollen, sollten wir auch ihre Schamgefühle ernst nehmen und diese weder in die eine noch in die andere Richtung verzwängen. Kinder sollten das Recht haben, Fragen zur Sexualität dann zu stellen, wenn sie diese Fragen auch tatsächlich stellen wollen. Und sie sollten die Freiheit
haben, mit diesen Fragen zunächst zu ihren Eltern zu gehen.

Text: Thomas Binotto