Narrenschiff

Für die Katz

Moralpredigten und Schandbriefe sind eine Publikumsbeschimpfung, die man sich und anderen ersparen kann. 

Als ich noch das Gefühl hatte, zum Thema «Erziehung» etwas beitragen zu können, als ich also noch nicht aus meinen theoretischen Höhenflügen in die Niederungen des praktischen Alltags abgestürzt war, da fand ich mich als Referent von Erziehungsvorträgen überaus kompetent.

Allerdings hatte ich schon damals die leise Ahnung, vor dem falschen Publikum zu reden. Denn zu meinen Vorträgen kamen stets Eltern, die äusserst engagiert und überlegt ans Erziehungswerk gingen. Sie hatten, um es kurz zu machen, meine Vorträge gar nicht nötig. Und je länger, je stärker kam ich zur Überzeugung, mit meinen Ratschlägen und Ermahnungen nur anmassend zu sein.

Ebenso am Publikum vorbei gehen Sonntagspredigten, in denen über jene Gelegenheitschristen hergezogen wird, die nicht anwesend sind. Elternabende, an denen jene gescholten werden, die an Elternabenden nicht auftauchen. Und die Beschimpfung des abwesenden Publikums am spärlich besetzten Kulturabend, die kann man sich auch sparen.

Es ist sinnlos, Moralpredigten jenen zu halten, die gar nicht gemeint sind. Aber genauso sinnlos ist es, Moralpredigten jenen zu halten, die man tatsächlich treffen will. Niemand, wirklich niemand, ohne Ausnahme niemand, absolut niemand reagiert auf Moralpredigten mit freudigem Einverständnis.

Entweder bin ich mir meines Versagens bewusst, dann brauche ich nicht noch einen, der darauf herumreitet. Oder ich fühle mich unschuldig, dann kann mir der Moralapostel gestohlen bleiben. Am wahrscheinlichsten ist es, dass ich Lust kriege, all jene Sünden endlich zu begehen, für die ich gerade ausgeschimpft wurde.

Moralpredigten sind Selbstläufer: Der Prediger spricht sich in Rage und ergötzt sich am eigenen apokalyptischen Furor, während rund um ihn die Stimmung den Bach runtergeht. Und am Ende wird sich keiner dafür bedanken, dass er gerade zur Schnecke gemacht wurde.

Moralpredigten funktionieren wie Schandbriefe und Schimpftiraden: Sie fühlen sich zunächst verdammt gut an. Endlich bringt man all die unbequemen Wahrheiten klipp und klar auf den Punkt. Zeigt den Verstockten, wo der Hammer hängt, und traktiert sie auch noch gleich damit. Man sagt ja nur, wie es ist. Und, also ehrlich, das musste einfach mal in aller Deutlichkeit gesagt sein.

Wenn der Löwe aber ausgebrüllt hat, dann bleibt am Ende nur der Katzenjammer. – Und eine entfreundete Zone.

Text: Thomas Binotto