Stolpersteine

«Gesetz»

Jetzt im Mai ist es wieder so weit: Dann wird in Zürich der «Rostige Paragraph» für das dümmste und unnötigste Gesetz des Jahres verliehen.

Zu den diesjährigen Nominierten zählen die «Ofenhandschuh-Verordnung», die verhindern soll, dass sich Zehntausende beim Grillieren die Finger verbrennen. Vor Jahren wurde einmal die «Wald-Vignette» prämiert, die Wanderer und Biker zum sorgsameren Umgang mit den Wäldern anhalten sollte.  

Anders als solche unsinnigen Verordnungen ist die Mehrheit der Gesetze nicht nur sinnvoll und wichtig, sondern als Sammlung von Rechtsnormen notwendig. Gesetze regeln unser tägliches Zusammenleben. Wie eine Welt ohne Gesetze aussähe, hat im Jahr 1516 auf Anregung des Erasmus von Rotterdam der englische Staatsmann und spätere Heilige Thomas Morus in seinem Roman «Utopia» skizziert. Darin beschreibt er eine auf rationalen Gleichheitsgrundsätzen und dem Streben nach Bildung basierende Gesellschaft mit demokratischen Grundzügen nach dem Ideal einer urchristlichen Gemeinschaft, die ganz ohne Gesetze auskommt. 

Vielleicht könnte im Erasmusjahr 2017, in dem viel über den Rotterdamer Humanisten als heimliche Autorität der Zürcher Reformation gesprochen wird, «Utopia» wieder einmal auf die Bühne kommen?

Wenn wir zum Thema Gesetz noch einen Blick vorauswerfen, dann wird 2018 das 70-Jahr-Jubiläum der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte gefeiert. Dieses Jubiläum kann uns die Menschenwürde als Kern aller Gesetze neu in Erinnerung rufen. 

Interessant ist die historische Tatsache, dass der katholische Philosoph Jacques Maritain und der Jurist René Cassin Mitglieder der von der UNESCO 1947 bestimmten Gruppe zur Erarbeitung der Grundlagen der Menschenrechte waren. Sie trafen im Herbst 1948 mehrfach mit Angelo Roncalli, dem späteren Papst Johannes XXIII., zusammen, der in diesen Gesprächen den jüdisch-christlichen Gedanken der Gottesebenbildlichkeit des Menschen als Wurzel des Menschenrechtsgedankens und aller Gesetzgebung betonte.  

Zwar öffnete Johannes XXIII. das Lehramt für die Idee der Menschenrechte. Da bis heute jedoch nicht uneingeschränkt von Menschen- und Freiheitsrechten in der Katholischen Kirche gesprochen werden kann, bietet das Jahr 2018 auch die Chance, neu über eine «Theologie der Freiheitsrechte» im Codex Iuris Canonici nachzudenken. Eine solche Theologie würde für ganz und gar nicht rostige Paragraphen im Gesetzbuch der Katholischen Kirche sorgen.

Text: Christian Cebulj, Professor für Religionspädagogik und Katechetik