Erasmus von Rotterdam

Humanist in Basel

Die Reformatoren des 16. Jahrhunderts haben ihm genauso viel zu verdanken wie die katholische Kirche des Konzils von Trient. Dennoch hat keine Seite Erasmus von Rotterdam viel Lob gespendet.

Martin Luther warf Erasmus von Rotterdam vor, er verstehe es, geschickt wie eine Hornisse jedem Schlag auszuweichen und treibe mit diesen Manövern allmählich jeden religiösen Sinn aus. Damit war sich der Reformator für einmal mit seinen Gegnern im katholischen Lager einig, die Erasmus genau den gleichen Vorwurf machten.

Bis heute ist das Urteil über Erasmus zwiespältig geblieben. «Ich wollte immer ein Einzelner sein und hasse nichts mehr als eingeschworene Anhänger und Parteigänger», hat Erasmus stets betont. Das wurde ihm als Opportunismus und Feigheit zur Last gelegt. Sein Bekenntnis: «Bis jetzt wollte ich immer unabhängig sein,
ausser, dass ich mich von der katholischen Kirche nicht trenne»; das war den einen zu wenig und den anderen zu viel.

Erasmus, wahrscheinlich 1469 geboren, war das illegitime Kind eines Priesters und einer Arzttochter. Das galt damals als schwerwiegender Makel, den Erasmus zeitlebens fürchtete.

Er beriet Bischöfe, Kardinäle, Könige und Kaiser in ganz Europa und alle grossen Städte versuchten, ihn zu ihrem Bürger zu machen – Zürich sogar zweimal. Trotzdem reagierte Erasmus bei Auseinandersetzungen äusserst empfindlich und wähnte sich oft von Feinden umgeben. Damit wurde sein Verhalten schwer einschätzbar. Einerseits versuchte er Konflikten aus dem Weg zu gehen und war andererseits doch voller Geltungsdrang und Streitlust.

Dabei galt Erasmus spätestens ab 1516 – nach der Veröffentlichung der griechischen Ausgabe des Neuen Testaments bei Johannes Froben in Basel – als der Gelehrte schlechthin.

Er studierte, schrieb, korrigierte – am liebsten in der Hektik einer Druckerei – und wurde zum ersten «Bestseller»-Autor des Buchhandels. Von der Zitatensammlung «Adagia» erschienen zu seinen Lebzeiten nicht weniger als 150 Editionen. Seine Werke wurden in viele Sprachen übersetzt. Und mit den Kommunikationsmitteln Buch, Brief und Begegnungen hatte er sich ein gewaltiges, einzigartiges Netzwerk in ganz Europa geschaffen.

Erasmus war ein «homme de lettres» durch und durch. Aber trotz seiner manchmal weltfremd anmutenden Gelehrsamkeit sah er die Kirchenkrise sehr klar. Noch vor Luther geisselte er den Ablasshandel, die Kriegslust von Päpsten und die Prunksucht kirchlicher Würdenträger. Er machte mit spitzer Feder den «Reformstau» öffentlich und wurde damit zum Vorbild auch der Reformatoren. Wenigstens vorläufig.

Als jedoch deutlich wurde, dass sich Erasmus den Reformatoren partout nicht anschliessen wollte, kam es zum Bruch. Immer noch glaubte er daran, dass es einen dritten Weg geben müsse, dass humanistisch gebildete Fürsten – kirchliche wie weltliche – im gelehrten Disput für
Reformen zu gewinnen waren. Als leidenschaftlicher Pazifist fürchtete er zudem das Ausbrechen von kriegerischen Auseinandersetzungen – zu Recht, wie die Geschichte zeigen sollte.

Der reformierte Theologe und Schriftsteller Walter Nigg hat in seinem Essay «Christliche Humanität» wunderbar herausgearbeitet, aus welchen Gründen Erasmus weder ein Reformator noch ein Papstgesandter wurde und auch nicht werden konnte.

Er stand für jenen Mittelweg ein, der Reformen befürwortete und gleichzeitig die Einheit der Kirche bewahren wollte. Das war kein billiger Weg, denn er trieb Erasmus gegen Ende seines Lebens immer stärker in die Isolation und trug ihm Unverständnis und üble Nachrede ein.

Erasmus war zwar ein grossartiger und in vielerlei Hinsicht – ausser in seinem Antisemitismus – auch hellsichtiger Gelehrter. Aber ihm gingen politischer Instinkt und Machtbewusstsein völlig ab.

Schliesslich starb Erasmus von Rotterdam 1536 in Basel so, wie er es stets befürchtet hatte: einsam und heimatlos. Der grösste Philologe seiner Zeit, ein Liebhaber der Sprache und des Denkens, soll sich vom irdischen Leben in schlichtem Holländisch mit «lieve god» verabschiedet haben. Und blieb noch im Tod eine Mahnung für den dritten Weg: Der Katholik Erasmus von Rotterdam wurde im bereits reformiert gewordenen Münster von Basel begraben.

Text: Thomas Binotto

Angebot laufend

3 Werke
3 Werke

«Lob der Torheit»
Fischer ISBN 978-3-596-90156-2

«Die Klage des Friedens»
Diogenes ISBN 978-3-257-06985-3

«Adagia»
Reclam ISBN 978-3-15-007918-8


Gemälde:
«Bildnis des schreibenden Erasmus von Rotterdam»
Hans Holbein d. J. , 1523.