Stolpersteine

«Das Böse»

Seit jeher beschäftigen sich Philosophie und Theologie mit der Frage, wie das Böse in der Welt verstanden werden kann.

Der südafrikanische Wissenschaftler Lyall Watson verfasste vor einigen Jahren eine Naturgeschichte des Bösen, der er den Titel «Die Nachtseite des Lebens» gab. Gehört das Böse zur Existenz des Menschen wie die Nacht zum Tag? Seit jeher beschäftigen sich Philosophie und Theologie mit der Frage, wie das Böse in der Welt verstanden werden kann. 

Nach dem biblischen Schöpfungsbericht im Buch Genesis hat Gott eine Schöpfung ins Dasein gerufen, von der gesagt werden darf, dass sie gut ist. Und doch gibt es das Böse in der Welt. 

Augustinus nannte das Böse einen Mangel des Guten. Der als gut geschaffene Mensch muss das vom Schöpfer mitgegebene Gutsein in der Welt ergreifen, um ganz Mensch zu sein. Die Realität der Welt aber ist es, dass der Mensch das Gutsein nicht immer ergreift, sondern es auch verfehlt. Manchmal lässt eine besondere Konzentration des Bösen sogar den Atem stocken. Im Heute der Welt sind das die Kriegsschauplätze in Syrien, Afghanistan, Nigeria usw. 

Gewöhnlich kommt das Böse aber in kleinen Schritten, auf leisen Sohlen, banal und versteckt – als Feigheit, Eifersucht, Neid, Angst, Lüge, Gier oder auch als Überforderung oder als Streit. Und es trifft jeden und jede, so bewusst der oder die Einzelne auch zu leben sich bemüht. Man findet das kleine Böse in Gemeinschaften, in Beziehungen, in der Politik, in der Kirche. 

Das einzelne, kleine Böse mag noch keinen Schaden anrichten, aber es gehört zur Natur des Bösen, dass sich die einzelnen, kleinen bösen Gedanken oder Handlungen bündeln wie die Farben des Spektrums und zum abgründig Bösen werden können. Dem Bösen gegenüber scheint der Mensch wie ausgeliefert, fassungslos, hilflos.

Das Vaterunser schliesst mit der Bitte «Erlöse uns von dem Bösen». Erlöse uns, so mag man die Vaterunser-Bitte weiterführen, von den fatalen Zusammenhängen, in die wir oft verstrickt sind und aus denen wir uns nicht allein befreien können. 

Es ist das Eingeständnis, dass wir nicht zu jeder Zeit Meister oder Meisterin unseres Selbst sind. Es ist ein Schrei um Befreiung aus der Macht des Bösen, um wieder neu das sein zu können, wozu die gute Schöpfung Gottes jedes Geschöpf berufen hat. Erlösung von dem Bösen ermöglicht die Ent-
deckung, dass das Leben von Gott
geschenkt, möglich und gelingend ist. «Und es war sehr gut», so das Urteil am Ende des Schöpfungsberichtes.

Das Böse in der Welt ist kein Widerspruch zur Güte Gottes und zum grundsätzlichen Gutsein allen Geschaffenen. Das Reich Gottes – so die Botschaft des Glaubens – ist dann der Ort, an dem das Böse keinen Nährboden mehr finden kann.

Text: Birgit Jeggle-Merz, Professorin für Liturgiewissenschaft THC