Neu gestalteter Innenraum

Licht im Stein

Die völlig neu gestaltete Kirche St. Josef Horgen leuchtet vielfarbig – wie auch die Pfarreigemeinschaft.

Sorgfältig kratzen die Handwerker – drei Männer und zwei Frauen der Firma Fontana & Fontana – die Buchstaben aus dem Putz an der Wand im Chorraum der Kirche St. Josef in Horgen. Sie stehen auf dem Baugerüst, eine Schablone gibt die Buchstaben vor. Hier deutsch, dort lateinisch, kratzen sie Buchstabe für Buchstabe in die Wand, von oben bis unten, von links nach rechts. Es ist der Text aus dem Evangelium, der am Hochfest des heiligen Josef, dem Kirchenpatron, verlesen wird: Matthäus 1,18–21.25a.

Bereits am frühen Morgen, noch vor fünf Uhr, hat der Stuckateur den Verputz aufgetragen, der Zeit brauchte, um die nötige Festigkeit zu bekommen, bevor zwei dünne Kalkschichten aufgemalt wurden. Daher begannen die Dekorationsmaler und Restauratorinnen erst am Mittag mit ihrer Sgraffito-Arbeit, die dann gut und gern bis 20 Uhr oder länger dauern kann. Geduldig arbeiten sie an ihrem gemeinsamen Kunstwerk, keiner möchte mit Namen genannt werden. Ihre Begeisterung für diese uralte Handwerksarbeit ist spürbar.

«Aus den Formen, die schon da sind, gewinnen wir Kraft für die Gestaltung.» Miroslav Šik, Architekt

«Aus den Formen, die schon da sind, gewinnen wir Kraft für die Gestaltung.» Miroslav Šik, Architekt Foto: Christoph Wider, forum

Nicht nur die Kirche, auch die Pfarreimitglieder haben den Weg von Alt zu Neu gemacht. Das meinen Ute Leber, Regula Oberholzer, Pfr. Adrian Lüchinger und Teresa Strobel (Bild oben links, v. l. n. r.).

Nicht nur die Kirche, auch die Pfarreimitglieder haben den Weg von Alt zu Neu gemacht. Das meinen Ute Leber, Regula Oberholzer, Pfr. Adrian Lüchinger und Teresa Strobel (Bild oben links, v. l. n. r.). Foto: Christoph Wider, forum

«Der in die Mauer gekratzte Text ist integraler Bestandteil des Baues.» Jean-Jacques Auf der Maur, Projektleiter

«Der in die Mauer gekratzte Text ist integraler Bestandteil des Baues.» Jean-Jacques Auf der Maur, Projektleiter Foto: Christoph Wider, forum

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Schrift und Papier, Licht und Stein – das sind die grossen Themen in der vollständig neu gestalteten Kirche Horgen. Im hell ausgemalten basilikalen Kirchenraum spiegelt sich das Licht der farbigen Fenster vielfach. Archaisch stehen Altar und Ambo im Chor, aus massivem Stein. Golden schimmern die liturgischen Gerätschaften, Kerzenständer, Tabernakel-Türe und Evangeliar-Ablage. Ihre Oberfläche ist aus Messing gearbeitet, in einem aufwändigen Verfahren so hergestellt, dass sie wie zerknittertes Papier wirkt.

«Der Chor muss den Blick fangen», sagt Architekt Miroslav Šik. «Jedoch nicht durch Farbe, um die leuchtenden Fenster nicht zu konkurrenzieren. So entschieden wir uns für eine ornamentale Behandlung.» Diese sollte aber eine Botschaft ausdrücken. So habe sich in Gesprächen mit Pfarrer Adrian Lüchinger die Idee des Evangelientextes entwickelt. Die Buchstaben erinnern an die Schrift der Römer und damit der ersten Christen. «Wir haben den Text nicht aufgemalt, sondern in die Mauer gekratzt, so ist es eine Prägung und integraler Bestandteil des Baues», ergänzt Projektleiter Jean-Jacques Auf der Maur.

Gespiegelt wird das Schrift-Thema durch die Metallarbeiten, die an Papyrus-Rollen erinnern: Die älteste bekannte Bibelabschrift ist auf Papyrusrollen aufgetragen.

«Aus den Formen, die schon da sind, gewinnen wir Kraft für die Gestaltung», sagt Šik. «Anton Higi hat die Kirche 1934 nach den Vorgaben ‹gross und billig› bauen müssen. Die schlichte Form hat ihre besondere Ausstrahlung.» Auf der Maur führt aus: «Die Leuchtträger wiederholen die Form der Fenster und deuten wie herabhängende Säulen einen dreischiffigen Kirchenraum an, der zu einer Basilika passt». Neu sind Altar und Ambo, Monolithen aus Tessinerstein, ähnlich dem im Boden verlegten Stein. «Das ergibt das Bild einer archaischen Landschaft – das haben wir neu eingebracht. Es erinnert an die Landschaft um Jerusalem, die Heimat Jesu», fährt Šik fort.

Die gesamte Innenausstattung der letzten Renovation von 1978 wurde fast vollständig aus der Horgener Kirche entfernt. Kein Problem für Pfarreimitglieder, die damit aufgewachsen sind und sie liebgewonnen haben? «Es war uns wichtig, die Pfarrei mitzunehmen auf den Weg in die neue Kirche», sagt Pfarrer Adrian Lüchinger. «Die Erneuerung wurde von der Kirchgemeindeversammlung beschlossen, die Ergebnisse des Wettbewerbs wurden ausgestellt, es gab Baustellenbesichtigungen für alle.» 

Vorher aber sei bewusst, feierlich und dankbar in einem Gottesdienst von der alten Kirche Abschied genommen worden. «Da bekam ich Gänsehaut», erinnert sich Pfarreimitglied und Familienmutter Ute Leber. «Der Altar wurde nach einem besonderen Ritus profaniert, die alte Mutter-Gottes-Statue und der Taufbrunnen haben einen wunderbaren Platz draussen vor der Kirche bekommen», fährt der Pfarrer fort. «Es war kein einfacher Abschied», meint die 19-jährige Oberministrantin Teresa Strobel. «Aber jetzt freuen sich alle auf die neue Kirche.» Pfarreiassistentin Regula Oberholzer weiss von zwei älteren Frauen, die lange in Horgen leben und die alte Kirche sehr gern hatten: «Sie sind extra nicht an die Führungen gekommen. Sie wollen die ganze Pracht bei der Eröffnung erleben.»

Die Übergangszeit von der alten zur neuen Kirche sei für die Pfarrei von besonderer Bedeutung geworden: «Das Feiern des Gottesdienstes im Pfarreisaal liess uns zusammenrücken», erzählt Ute Leber, die bald als Katechetin wirken wird. «Es war sehr familiär und nur dank einem riesigen Einsatz von allen möglich.» Zum Ministrieren sei es sehr eng gewesen, meint auch Teresa Strobel. Doch umso mehr freuten sich die Minis jetzt auf die neue Kirche. 

«Die Pfarrei als Gemeinschaft, die miteinander feiert und lebt, wurde stark spürbar», hat auch Regula Oberholzer festgestellt. «Am Mittag ist im Saal Spaghetti-Essen mit Kindern und Flüchtlingen, das pralle Leben. Am Nachmittag wird alles aufgeräumt und neu gestuhlt, der Vorhang geöffnet, so dass der Altar sichtbar wird, und der Saal strahlt Ruhe und Feierlichkeit aus.» Pfarrer Lüchinger ist überzeugt: «Wir haben versucht, die Menschen mitzunehmen und ihnen zu zeigen: Die Kirche wird neu und hell, darin leuchtet das Farbenspiel der Fenster. So ist auch die Pfarrei: bunt und vielfältig, unter dem Wort Gottes, das in unsere Chorwände eingeritzt ist; hörend wie Josef, unser Kirchenpatron.»

Text: Beatrix Ledergerber-Baumer

Angebot laufend

Sa, 3. Juni, 16.30 Uhr 
Altarweihe mit Weihbischof Marian Eleganti,
Vokal- und Bläserensemble, Perkussion und Orgel. Apéro.

So, 4. Juni, 10.00 Uhr
Festgottesdienst mit P. Martin Werlen,
Kirchenchor, Solisten und Orchester. Apéro.

Sa, 8. Juli, 17.30 Uhr
Familiengottesdienst zur Kirchweihe.
Sommerfest.