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Millenniumskerze

Kerzenrituale sind nicht nur in der römisch-katholischen Tradition von Bedeutung. Sie werden von vielen christlichen Konfessionen wertgeschätzt. 

Besonders populär sind sie bei Gebetsritualen. Eine Kerze wird entzündet, ein Gebet gesprochen – und auch wenn man den Kirchenraum wieder verlässt: Das Gebet ist nach wie vor im Kerzenschein präsent. Dieser verlängert das Gebet und macht es dauerhaft.

Im Alten Orient existierten ähnliche Vorstellungen. Hier spielen die Beterfiguren eine ganz besondere Rolle. Wer es sich leisten konnte, liess ein solches Luxusgut herstellen und platzierte es im Tempel. Dort war diese Figur mit
unablässigem Beten beauftragt – eine praktische Angelegenheit, wenn man selbst nicht laufend im Tempel anwesend sein konnte.

Auch das Alte Testament kennt diesen Wunsch, im Tempel betend präsent zu sein. «Ich will in dein Haus eintreten und mich niederwerfen» (Ps 5,8). – Die Augen von Beterfiguren sind häufig gross dargestellt. So sollen sie möglichst viel Herrlichkeit/Segen Gottes empfangen. Dies geschieht in der Antike mit den Augen.

Die Beterfiguren vertreten den Beter. «Ich will wohnen im Hause JHWHs immerdar» (Ps 23,6). Es verlangt mich «im Haus JHWHs zu wohnen» (Ps 27,4). Diese Vorstellungen gelten für den frommen Beter wie auch für die Beterfiguren. Durch diese werden Bitte und Dank (stark) verlängert. Somit sind sie den heutigen Kerzen in den Kirchen vergleichbar. Eine solche Statuette ist also eigentlich eine 5000 Jahre alte Kerze. Sie brennt nicht so gut
wie die heutigen Exemplare – dafür hat sie aber das Gebet 5000 Jahre lang bewahrt: eine ewige Kerze.

Text: Florian Lipke