Gedanken zum Fest

Pfingsten - Eine Provokation

Nachdenkliches zu Pfingsten von Peter Dettwiler.

Er kann es nicht lassen und provoziert immer wieder: Der Heilige Geist! Er motiviert Menschen dazu, Abgrenzungen zu überwinden. Und das verunsichert. Erleben wir doch zurzeit, dass vielerorts neue Mauern und Zäune errichtet werden. «Wir müssen uns abgrenzen», heisst es. «Wir dürfen den Zaun nicht zu weit ziehen.» Unsere Nation zuerst, unsere Interessen zuerst, unsere Religion zuerst, unsere Kirche zuerst. 

Vor nicht allzu langer Zeit war es Katholiken verboten, eine reformierte Kirche zu betreten. Und Reformierte definierten ihre Identität in negativer Abgrenzung gegen die katholische Kirche. Eine gesunde Identität ist wichtig – für Personen, für eine Gemeinschaft, für eine Nation. Ist es möglich, eine solche Identität ohne negative Abgrenzung gegen andere zu entwickeln?

«Einer achte den andern höher als sich selbst», fordert demgegenüber die Bibel. «Habt nicht das eigene Wohl im Auge, sondern jeder das des andern.»1 Vermutlich nehmen wir an, dass dies bestenfalls im persönlichen Umfeld realisierbar ist. Doch die Anfänge des Christentums zeigen ein anderes Bild.

Damals, beim ersten Pfingstfest, mischte der Heilige Geist die Sache ganz gehörig auf. Er wirkte als Dolmetscher für die vielen Fremdsprachigen in Jerusalem und verführte die ersten Christinnen und Christen dazu, nicht nur die Sprach- und Religionsgrenzen zu überwinden, sondern auch die Grenzen des «dein» und «mein»: «Alle Glaubenden aber hielten zusammen und hatten alles gemeinsam.» So gab es «niemanden unter ihnen, der Not litt».2 Der Provokateur Gottes relativiert den Privatbesitz! Das ist gefährlich.

Auch den religiösen Privatbesitz hinterfragt der Geist Gottes. Und das hat seine Logik. Denn was der Geist uns schenkt, soll auch anderen dienen. Ja, erst im Austausch der Gaben entfalten diese ihren ganzen Reichtum. Da zitiert ein Reformierter gerne den Papst:

«Wenn wir wirklich an das freie und grossherzige Handeln des Geistes glauben, wie viele Dinge können wir voneinander lernen!» Weil also der Geist auch in den anderen Kirchen wirkt, geht es darum, «das, was der Geist bei ihnen gesät hat, als ein Geschenk aufzunehmen, das auch für uns bestimmt ist».3 

Und da der Pfingstgeist weit über die Kirchen hinaus sät, gibt es auch bei Menschen aus anderen Kulturen, Religionen und Traditionen Wertvolles zu entdecken und von ihnen zu lernen.

 

1 Philipper 2,3–4
2 Apostelgeschichte 2,44; 4,34
3 Apostolisches Schreiben «Evangelii gaudium», 2013, 246

Text: Peter Dettwiler

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Peter Dettwiler ist reformierter Theologe und ehemaliger Ökumene-Beauftragter der Reformierten Landeskirche Zürich. Er ist Mitglied der Fokolar-Bewegung.