Editorial

Pfingsten ohne Zwängerei

Pfingsten als Fest des Heiligen Geistes erinnert mich daran, wie oft wir Gott unseren Willen aufzwingen wollen.

Wenn in kirchlichen Auseinandersetzungen die Argumente ausgehen, dann wird nicht selten der Heilige Geist als Schiedsrichter bemüht. Für die einen weht er dann, wo er will. Für die anderen weht er nur aus Rom. Auf jeden Fall weht er aber nicht hinterfragbar aus der je eigenen Richtung. Es geht dann zu wie beim Western-Showdown: Wer zuerst den Heiligen Geist als Trumpfass zückt, der hat gewonnen.

Damit muss der Heilige Geist für ziemlich viel herhalten: Machthunger, Eigennutz, Sturheit, Beliebigkeit, Verurteilungen, Eitelkeit, Legalismus… – Lauter Menschenwerk, wenn man es sich selbst und anderen ehrlich gestehen würde.

Wenn wir etwas in Stein meisseln wollen, was in der Bibel nicht zu finden ist, dann hat‘s halt der Heilige Geist so gewollt. Selbst bis in die kleinsten organisatorischen Details hinein sorgt er für jene Ordnung, die uns gerade vorschwebt.

Ich hoffe, dass Pfingsten meinen Hang zur Rechthaberei schwächt. Dass ich Gott nicht länger zum Handlanger meines Willens mache. Dass ich das Geheimnis des Glaubens immer wieder neu entdecke. Dass ich mit der Schwäche meiner Argumente leben lerne. Dass an Pfingsten der Heilige Geist mich bewegt und nicht ich ihn zu drängen versuche.

Das wünsche ich mir. Und Ihnen auch.

Text: Thomas Binotto