Etwas andere Ferien

Alle sind eine Insel

An Ostern platzt die Kirche St. Willehad aus allen Nähten. Wie kann das sein, in einer katholischen Diaspora-Pfarrei mit nicht einmal 300 Mitgliedern?

Die Insel tickt anders. Nicht zuletzt, weil hier Ebbe und Flut den Takt vorgeben. Und so wird man bereits auf dem Festland aus seinem üblichen Rhythmus gerissen, während man auf die Fähre wartet, nach einer womöglich stundenlangen Odyssee durch Ostfriesland. Wenn man schliesslich auf der autofreien Insel im kleinen Rumpelzug sitzt, der einen vom Hafen ins Dorf bringt, dann wird man vollends entschleunigt.

Mittagstisch in Haus Ansgar, dem Pfarrhaus von St. Willehad: Der Raum ist eigentlich viel zu klein für 15 Menschen. Und doch fühlt man sich an dieser Tafel nicht eingeengt, sondern geborgen. Welches hier die alten Hasen sind, die schon 20 Jahre und mehr herkommen, und welches die Neulinge, das lässt sich erst durch Nachfragen feststellen.

Auch bei den gemeinsamen Mahlzeiten entsteht Gemeinschaft.

Auch bei den gemeinsamen Mahlzeiten entsteht Gemeinschaft. Foto: Foto: Thomas Binotto, forum

Christian verziert seine Osterkerze

Christian verziert seine Osterkerze Foto: Foto: Thomas Binotto, forum

Chorprobe für die Osternachtfeier.

Chorprobe für die Osternachtfeier. Foto: Foto: Thomas Binotto, forum

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Man fühlt sich unmittelbar und unterschiedslos aufgenommen in diese bunt gemischte Gruppe von Menschen zwischen 24 und 70 Jahren. Sie sitzen hier zusammen, weil sie in der Pfarrei St. Willehad die Karwoche und das Osterfest gestalten wollen.

Wer das Osterteam leitet, wird erst deutlich, als Egbert Schlotmann am Ende der Mahlzeit kurz nachfragt, was für die nächsten Stunden ansteht. Was muss noch getan werden? Wer braucht Hilfe? Wer bietet Hilfe an?

Das Programm, das man den Urlaubern anbieten will, ist dicht: Wortfeiern zum Einklang in den Tag, Freizeitangebote für Klein und Gross, Mittagsimpulse, Abendgottesdienste und natürlich die zentralen Feiern. Dennoch geht alles sehr unaufgeregt vonstatten, bleibt immer wieder Zeit zur Besinnung und Ruhe. Der Insel-Rhythmus wirkt. Und genau wie sich Ebbe und Flut nicht drängen lassen, lässt man hier auch von eifrigem Aktivismus ab.

Egbert Schlotmann lebt als Pfarrer ganzjährig auf der Insel. Er feiert mit seiner Pfarrei auch dann Gottesdienst, wenn es kaum Urlauber auf Wangerooge gibt. Und es ist ihm wichtig, dass die Insulaner, die sonst im kleinen Kreis Gemeinschaft leben, von den Urlaubern nicht ausgerechnet an Ostern aus der Kirche gespült werden.

Karl malt mit einem Jungen, während dessen Eltern im Gästechor proben.

Karl malt mit einem Jungen, während dessen Eltern im Gästechor proben. Foto: Foto: Thomas Binotto, forum

Ludgera bereitet den Kirchenschmuck vor.

Ludgera bereitet den Kirchenschmuck vor. Foto: Foto: Thomas Binotto, forum

Johanna kümmert sich vor allem um die Ministrantinnen und Ministranten.

Johanna kümmert sich vor allem um die Ministrantinnen und Ministranten. Foto: Foto: Thomas Binotto, forum

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Zu dieser Haltung der gegenseitigen Gastfreundschaft passt die spirituelle Offenheit. Das Osterteam kommt weder aus einer Bewegung noch bildet es eine Bewegung. Einige sind in ihrer Heimat kirchlich engagiert, andere nutzen diese Tage als Besinnungszeit, wieder andere sind unter dem Jahr nur seltene Kirchgänger. Wer hier also einen homogenen «superfrommen Haufen» erwartet, wird sich schnell umbesinnen müssen.

Die Gemeinsamkeit entsteht dadurch, dass alle den Wunsch haben, Ostern nicht nur routiniert hinter sich zu bringen. Sie wollen das Geheimnis des Glaubens intensiv und aktiv erleben.

Damit dies gelingt, braucht es viel Handarbeit. Johanna kümmert sich um die Ministrantinnen und Ministranten – Ludgera um den Blumenschmuck – Heinrich um die musikalische Gestaltung. Gregor und Walter suchen technische Lösungen. Heinz und Josef managen die Speisekammer. Karl malt mit Kindern. Gaby gestaltet die Osterkerze. Christian betreut die Website.

Aber das ist alles nicht fest gefügt und in Stein gemeisselt. Ob Anke, Marga, Annegret, Margret, Uschi oder Susanne, alle bringen ihre jeweiligen Talente ein. Alle fühlen sich für das Ganze, was hier entstehen soll, verantwortlich. Niemand verbarrikadiert sich in seinem vermeintlichen «Hoheitsbereich».

Das wünscht sich Egbert Schlotmann genauso. Er verlangt für die Teilnahme am Insel-Team keine bestimmten Qualifikationen. Er erwartet die Bereitschaft, Gemeinschaft zu leben und an diesen Tagen nicht nur mitzuarbeiten, sondern auch mitzufeiern. Dabei nicht nur anderen, sondern auch sich selbst etwas Gutes zu tun.

Auch Strandspaziergänge und spontane Gespräche gehören zum Programm

Auch Strandspaziergänge und spontane Gespräche gehören zum Programm Foto: Foto: Thomas Binotto, forum

Auch Pfarrer Egbert Schlotmann packt mit an.

Auch Pfarrer Egbert Schlotmann packt mit an. Foto: Foto: Thomas Binotto, forum

Das Osterteam 2017

Das Osterteam 2017 Foto: Foto: Thomas Binotto, forum

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Wie das dann konkret geschieht, dafür lässt er dem Osterteam viele Freiheiten. Zwar gibt man sich ein Thema vor – in diesem Jahr hiess es «Worte bewegen». Und man hat sich im Februar zur Vorbereitung getroffen. Aber die Gruppen, die eine Feier vorbereiten, tun dies sehr eigenständig und dementsprechend unterschiedlich.

Die Gottesdienste sind sorgfältig gestaltet, reissen musikalisch mit, schenken wertvolle Impulse. Sie sind aber nicht bis ins Letzte durchkomponiert. Es muss immer noch Raum bleiben für den spontanen Glückwunsch an eine Ministrantin, die gerade Geburtstag feiert.

Auf der gerade einmal 7,94 km2 grossen ostfriesischen Insel Wangerooge leben ganzjährig 1300 Menschen. In Ferienzeiten wird daraus jedoch eine Kleinstadt. Über 120 000 Urlauber besuchen jährlich Wangerooge.

Nicht wenige davon kommen wegen der Gottesdienste. Bereits 1895 forderten Kurgäste die Möglichkeit zum Gottesdienstbesuch. Und so steht schon zu Beginn der seit 1995 eigenständigen Pfarrei die Urlauberseelsorge.

Diese hat sich in den letzten 30 Jahren zu einem Angebot mit einem einmaligen Konzept und grosser Ausstrahlung entwickelt. Aus dem ganzen deutschsprachigen Raum reisen Gäste an, weil sie hier Ostern feiern wollen. Selbst die Andachten am frühen Morgen sind gut besucht. Und zu den Festgottesdiensten platzt die Kirche aus allen Nähten. Sogar in der Sommerzeit belegt die gut gefüllte Kirche, dass durch freie Zeit auch Raum für Besinnung entsteht.

Mehrere Teammitglieder berichten, dass sie St. Willehad als ganz normale Urlauber kennen gelernt haben. Und sich dann über sich selbst wunderten, weil sie plötzlich das Bedürfnis hatten, in den Sommerferien um halb acht eine Besinnungsandacht zu besuchen.

Die meisten Mitglieder des Osterteams stehen im Berufsleben. Sie opfern für ihr Engagement 
Ferientage. Sie sind bereit, sich auf einfache Verhältnisse einzulassen und unkompliziert zu improvisieren. Ja, sie zahlen sogar noch drauf, um Teil dieser Gemeinschaft auf Zeit zu sein.

Aber niemand strahlt Opferbereitschaft aus. Diese Menschen gönnen sich ganz offensichtlich Ferien der ganz besonderen Art. Und man beginnt zu ahnen, dass die biblische Erzählung von den paar Fischen und Broten, die alle genährt haben, gar nicht so unwahrscheinlich ist, wie sie vielleicht klingen mag.

Text: Thomas Binotto

Urlauberseelsorge

Angebot laufend

In St. Willehad auf der ostfriesischen Insel Wangerooge bietet sich über Weihnachten, Neujahr, Ostern und im Sommer Gelegenheit, die Urlauberseelsorge mitzugestalten. Das Team wohnt zusammen im Pfarrhaus.

Als Voraussetzungen für die Mitarbeit im Team nennt Pfarrer Egbert Schlotmann: «Offenheit und Bereitschaft, sich einzubringen; sich einlassen können auf die Anderen, die dabei sind; von sich aus die Arbeit sehen und anpacken; Gebetszeiten und Gottesdienste nicht als Last empfinden; Freude am Menschen und an
Gottes Schöpfung.»