Stolpersteine

«Feindesliebe»

Im Matthäus-Evangelium steht die Zumutung schlechthin: «Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen.»

Und das Lukas-Evangelium macht es noch schwerer: «Wenn einer dich auf die rechte Wange schlägt, halt ihm auch die andere hin.»

Das kann Jesus doch nicht ernsthaft verlangen, angesichts von Massenvernichtung, Kriegstreiberei und Terrorismus! Heute würden wir ihn für solche Forderungen einen fahrlässigen und weltfremden Gutmenschen schimpfen.

Gott «lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte», begründet Jesus die Feindesliebe. Dass alle Menschen Gottes Geschöpfe sind, mag noch angehen. Aber wir möchten das doch gerne auf einer unkonkret symbolischen Ebene halten. Feindesliebe halten wir für eine Utopie, die in der Realität völlig unlebbar ist.

War Jesus wirklich so weltfremd? – Unsere Geschichte beweist zumindest eines: Gewalt und Bosheit lassen sich auch ohne Feindesliebe nicht ausrotten. Gewalt nährt sich von Gewalt.

Das Modell zur Konflikteskalation von Friedrich Glasl endet damit, dass man schliesslich die eigene Vernichtung hinnimmt, um den Gegner zu besiegen: «Gemeinsam in den Abgrund».

Kriege mögen mit einem Sieg enden, sie enden aber immer auch mit unzähligen Toten und brutaler Zerstörung. Und der Friede, der meist aus Erschöpfung und nicht aus Einsicht gewonnen wird, dieser Friede trägt bereits die nächsten Konflikte in sich.

Wäre Jesus ein Zyniker gewesen, er hätte dies als gegeben hingenommen. Aber weil er die gute Nachricht ist, verkündet er unablässig eine Alternative, selbst wenn uns diese noch so utopisch erscheint. Diese Alternative verlangt von uns, aus der Gewaltspirale auszusteigen und eine paradoxe Intervention zu wagen, welche der Gewalt im besten Falle ihren Nährboden entzieht.

Jesus ist jedoch kein Naivling. Er ist sich bewusst, dass man sich vor Feinden in Sicherheit bringen muss. Dass man sie klugerweise auf Distanz hält. Dass man sie nicht mit demonstrativ zur Schau getragener Versöhnlichkeit reizen darf.

Aber die Feindesliebe bleibt riskant. Jesus selbst durchleidet dieses Risiko am Kreuz. Dennoch predigt er die Feindesliebe, weil er überzeugt ist, dass Gewaltverzicht für den Frieden letztlich nachhaltiger wirkt als Gegengewalt. Es mag Grenzen der Feindesliebe geben, aber in deren Nähe kommen wir viel seltener, als wir annehmen.

Bis wir es nicht wirklich und ernsthaft mit der Feindesliebe versucht haben, können wir deshalb nicht behaupten, Jesus habe mit seiner Zumutung falsch gelegen.

Text: Thomas Binotto