Caritas

Allein geflüchtet

Als Sayed auf der Flucht von seiner Familie getrennt wurde, war er elfjährig. Der Junge aus Afghanistan setzte die beschwerliche Reise alleine fort bis in die Schweiz. Heute lebt er im von Caritas geführten Haus der Jugend in Immensee (SZ) und arbeitet jeden Tag hart für seinen Traum von einem normalen Leben.

Sayed ist einer von 5000 unbegleiteten Kinderflüchtlingen, die heute in der Schweiz leben. Vor eineinhalb Jahren flüchtete er mit seiner Familie vor den Taliban. Von Afghanistan reisten sie zuerst nach Pakistan, dann in den Iran und in die Türkei, wo sie auf dem Seeweg weiter nach Griechenland wollten. Hier verlieren sich Sayed und seine Familie aus den Augen. Im Gedränge des Hafens werden sie auseinandergerissen.

Sayed schafft die Überfahrt und setzt seine Odyssee in Griechenland gemeinsam mit einem anderen Jungen aus Afghanistan fort. Tag und Nacht sind sie unterwegs.

Sayed hat einen beschwerlichen Weg hinter sich. Trotzdem blickt er optimistisch in die Zukunft.

Sayed hat einen beschwerlichen Weg hinter sich. Trotzdem blickt er optimistisch in die Zukunft. Foto: Alexandra Wey/zvg

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Sie gehen zu Fuss, quetschen sich in überfüllte Autos, fahren im Zug. Die beiden schlagen sich auf der Balkanroute durch und geben aufeinander Acht. «Wir haben uns als Brüder ausgegeben», erklärt Sayed. Wie Brüder sind sie auch den Weg in die Schweiz zusammengegangen und seit August 2016 teilen sie sich ein Zimmer im Haus der Jugend in Immensee, das von Caritas Schweiz im Auftrag des Kantons Schwyz geführt wird.

Die Weggefährten leben zusammen mit 32 Knaben und vier Mädchen, die aus Eritrea, Afghanistan, Somalia, Mali, Guinea und Syrien stammen und zwischen 13 und 18 Jahre alt sind. 

Im Fachjargon heissen sie UMA – Unbegleitete Minderjährige Asylsuchende. Es sind Kinderflüchtlinge, die alleine Tausende von Kilometern zurückgelegt haben, in der Hoffnung auf ein Leben ohne Krieg und Armut. 

Endlich ankommen

Um 6 Uhr klingelt der Wecker. Aufstehen, frühstücken, aufräumen, Schule, Hausaufgaben, Fussballtraining. Der 13-Jährige hat feste Tagesstrukturen und wird sieben Tage in der Woche von einem Team der Caritas betreut. 

Neben der sozialpädagogischen Unterstützung die er erhält, sind eine Beiständin und eine Bezugsperson für den jungen Afghanen da, wenn er Probleme und Fragen hat – so weit das eben möglich ist. «Die Liebe eines Vaters oder einer Mutter kann niemand ersetzen», sagt er. 

Die Beiständin Eleonora Meier schenkt Sayed einen tröstenden Blick und meint: «Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben.» Und es gibt Grund zur Hoffnung. Der Suchdienst des Roten Kreuzes unterstützt Sayed und versucht seine Eltern und seine Geschwister zu finden.

«Ich muss es einfach schaffen»

Die Sorge um seine Familie lässt sich nicht wegreden. Trotzdem blickt er vorwärts. Sayed lernt schnell. In nur kurzer Zeit hat er den Sprung von der Integrations- in die Regelklasse geschafft. Heute drückt er in Küssnacht zusammen mit Schweizer Kindern die Schulbank. Sein Lieblingsfach ist Mathe.

Sayed möchte einmal bei einer Bank arbeiten und sagt voller Zuversicht: «Ich bin jung, ich lerne viel und habe gute Noten. Ich muss es einfach schaffen.»

Text: Sabine Schaller, Caritas Schweiz