Porträt

Die Welt als Wunder

Mitten im ehemaligen Galluskloster, direkt neben dem weltberühmten Barocksaal voller Bücher und einer geheimnisvollen Mumie, liegt das Büro des Stiftsbibliothekars Cornel Dora.

Cornel Dora arbeitet in einer der weltweit ältesten Bibliotheken – und dazu in jener mit der am besten erhaltenen Sammlung. Sie ist das Herzstück des bereits 1983 als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannten Stiftsbezirks St. Gallen. «Dieses Erbe kann man nur vermitteln, wenn man es in seiner klösterlichen Tradition versteht», sagt Dora und schenkt seinen Gästen Jasmin-Tee ein, in feine Tassen aus russischem Porzellan.

Daher empfindet Dora seine Arbeit auch als kirchlichen Beruf. Bevor er Gäste in den barocken Bibliotheksaal führt, weist er auf die Inschrift über dem Eingang hin. «Heilstätte der Seele» steht hier in griechischen Buchstaben. «Auch Menschen ohne Bezug zum Glauben fühlen, dass sie etwas Einzigartiges, Besonderes sind. Das ist die Seele. Die Griechen haben dafür das archaische Wort Psyche verwendet», erklärt Dora. «Im Christentum wurde der Sinn erweitert: Die Seele ist das göttliche Licht in jedem Menschen. Damit verdient jeder Mensch Respekt; daraus folgt die Freiheit und die Gleichheit aller Menschen vor den letzten Dingen.»

Selbstverständlich ist das Büro von Cornel Dora eine Bibliothek in der Bibliothek und ein Ort, wo Traditionen bewusst gepflegt werden.

Selbstverständlich ist das Büro von Cornel Dora eine Bibliothek in der Bibliothek und ein Ort, wo Traditionen bewusst gepflegt werden. Foto: Christoph Wider, forum

Cornel Dora ist als Stiftsbibliothekar im gesamten Stiftsbezirk St. Gallen zu Hause.

Cornel Dora ist als Stiftsbibliothekar im gesamten Stiftsbezirk St. Gallen zu Hause. Foto: Christoph Wider, forum

«Dieses Erbe kann man nur vermitteln, wenn man es in seiner klösterlichen Tradition versteht.»

«Dieses Erbe kann man nur vermitteln, wenn man es in seiner klösterlichen Tradition versteht.» Foto: Christoph Wider, forum

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Auch für ihn persönlich sind Bücher Seelenarznei: So die Gedichte von Eichendorff, das mittelalterliche Parzival von Wolfram von Eschenbach oder die Four Quartets von T. S. Eliot. Sein Motiv, Bibliothekar zu werden, waren aber weniger die Bücher, sondern der Wille, gestaltend eine kulturelle Institution zu führen. Hier habe er «den schönsten Job der Welt» gefunden. «Als St. Galler, der im Umfeld der Kathedrale aufgewachsen ist und hier als Ministrant, Lektor und Pfarreirat wirkte, habe ich zudem eine besondere Beziehung zur Stiftsbibliothek.» Durch verschiedene Wendungen in seinem Leben habe er eine tiefe Beziehung zum Glauben gefunden.

Aus dem Büchergestell in seinem Büro holt Dora ein schmales, soeben erschienenes Bändchen und zeigt die darin sorgfältig abgedruckten Sequenzen von Notker Balbulus, der im 9. Jahrhundert als Bibliothekar einer seiner Vorgänger war. Er sei der «einzige Schweizer Dichter, der weltberühmt war»: Die von ihm gedichteten und vertonten Sequenzen wurden als Teile der Liturgie in der ganzen damals bekannten Welt im Gottesdienst gesungen. Mit dieser Publikation wurde wieder einer der vielen Schätze der Stiftsbibliothek gehoben und verfügbar gemacht, eine Hauptaufgabe der Stiftsbibliothek neben dem lebhaften Museumsbetrieb. Im Rahmen einer Summer School mit der Universität Würzburg kommen bald Studierende und Dozierende nach St. Gallen, «weil wir die weltweit bedeutendste Sammlung früher Musikquellen haben» – darunter Notkers Sequenzen.

Über Doras Büro-Tür hängt ein Gemälde des Appenzeller Künstlers Caton. «Es zeigt einige Details aus unserem Barocksaal, die mit Humor verfremdet sind», sagt Dora. Mit einem liebevollen Blick schaut auch er, der Historiker, auf die Zeit, aus der die ältesten Handschriften der Stiftsbibliothek stammen, und fragt nach ihrer Bedeutung für unsere Zeit.

Damals habe es eine grundlegende Veränderung in der Kultur des Denkens gegeben. Im Jahr 1000 hat der St. Galler Mönch Notker der Deutsche den griechischen Philosophen Aristoteles als Erster auf Althochdeutsch übersetzt. Damit sei der Wechsel vom platonischen Weltbild Augustins, welches die grosse Zeit St. Gallens vom 8. bis 11. Jahrhundert geprägt hatte, zum aristotelischen Weltbild eingeleitet worden.

Die Welt, wie der heilige Augustinus sie sah, war nicht in erster Linie ein System, sondern ein Wunder. Aristoteles hingegen – und später Thomas von Aquin, die scholastische Theologie und die Naturwissenschaft – sehen die Welt als ein System, das sich durch geordnete Begriffe, die «Kategorien» von Aristoteles, vollständig erklären lässt. «Das System grenzt ein, aber es kann auch ausgrenzen, was und wer nicht hineinpasst», sagt Dora. Im platonisch-augustinischen Weltbild dagegen gibt es mehr Platz für Freiheit, Verschiedenheit, Besonderheit, den unabsehbaren Lauf des Lebens – und damit für Respekt. «Im Frühmittelalter finden wir noch diesen augustinischen Mut, die Welt als Wunder zu sehen», sagt Dora. «Etwas mehr davon würde unserer heutigen Welt guttun.»

Text: Beatrix Ledergerber-Baumer

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In die Stiftsbibliothek kommt man nur mit Filzpantoffeln. Ein vergoldetes Paar bekam ich zum Abschied von der Kantonsbibliothek Vadiana.