Stolperstein

«Heilig»

Ich stehe am Sarg einer sehr guten Freundin, Benediktinerin im Stift Nonnberg in Salzburg. In der Karwoche 1980 lernten wir uns zufällig kennen.

Aus dieser Begegnung entwickelte sich in den letzten 37 Jahren eine sehr intensive Freundschaft.

Schwester Fidelis Bouska OSB, gleicher Jahrgang wie meine Eltern, wurde für mich zu einer «spirituellen Mutter». Viele meiner Lebensentscheidungen habe ich mit ihr besprochen.

«Du musst!» oder «Das darfst du nicht!» habe ich von ihr nie gehört. Vielmehr hat sie mir immer aufmerksam zugehört, oft auch Wege «hinter meinem Horizont» aufgezeigt. Ihr Blick richtete sich immer auf das Ganze, nicht nur auf den Moment.

Unsere Begegnungen und Gespräche, einige Male auch über Tage hinweg, waren für mich oft «heilige» Zeiten, weil ich mein Leben aus einem anderen Blickwinkel zu sehen vermochte.

Bei der Beerdigung beschreibt Erzabt Korbinian von St. Peter ihr Wesen meines Erachtens sehr treffend: «Wenn sie einen anschaute, im hohen Alter so von unten herauf, mit dem ihr eigenen Blick, da erkannte man Klarheit, Strenge, Güte und Milde in einem – so stelle ich mir den Blick Gottes vor!»

Ist Schwester Fidelis deshalb eine Heilige? – Für mich ja! Sie wird wohl nie offiziell heiliggesprochen. Denn sie hatte kein besonderes Amt inne oder eine Institution beziehungsweise Bewegung hinter sich, die diese «Erhebung zur Ehre der Altäre» fördert.

Unter diesen offiziellen Heiligen gibt es solche, die ich sehr schätze – wie den Hl. Stephanus oder die 19-jährige Chiara Badano, die zwar nur «selig», aber deshalb nicht weniger «heiligmäs-sig» ihren Knochenkrebs ertragen hat. Es gibt aber auch solche, mit denen ich so gut wie nichts anfangen kann.

Bis heute legen gewisse Formen der Heiligenverehrung den Verdacht nahe, dass Gott respektive Jesus Christus eher eine Nebenrolle spielen. Dagegen lehnten sich die Reformatoren zu Recht auf. Aber deshalb gleich Tabula rasa machen?

Eine gesunde Heiligenverehrung sieht in ihnen Vorbilder, inspirierende Persönlichkeiten, die einen selbst auf das Ganze weisen.

Selten war deren Leben von der Wiege bis zur Bahre makellos – das ist auch tröstlich. Heilige – ob schon tot oder noch lebend – zeichnen sich dadurch aus, dass sie in all den Aufs und Abs des Alltags das grössere Ganze – Gott – nie aus den Augen verlieren oder verloren haben.

Text: Rudolf Vögele, Leiter Ressort Pastoral, Generalvikariat Zürich-Glarus