Ethik

Rückkehr des Dienens

Wir alle beschäftigen Personal, doch nur wenige denken über die Folgen nach. Putzfrau und Kindermädchen beschäftigen oder Lieferservices in Anspruch nehmen – was soll daran falsch sein?

Lange Zeit waren Dienerinnen und Diener auf dem Rückzug. Bis in die 1970er-Jahre verschwanden häusliche Angestellte immer mehr aus dem Alltag. Heute erleben sie ein nie geahntes Comeback, wenn auch im Verborgenen:

Studien zeigen, dass in Deutschland etwa elf Prozent aller Erwerbstätigen dem sogenannten «Dienstleistungsproletariat» angehören – eine Branche, die geprägt ist von Mini-Jobs und temporären Arbeitsverträgen. Hunde, Kinder, Haushalt, Garten, Einkauf – kaum eine Aufgabe des täglichen Lebens, für die heute keine Service-Kraft zur Verfügung steht.

Autor Christoph Bartmann wurde während eines längeren Aufenthalts in New York bewusst, wie gross diese Dienstleistungsbranche inzwischen ist und wie prekär die Situation der Menschen, die dort tätig sind. 

In seinem Buch «Die Rückkehr der Diener» rückt er die Menschen ins Rampenlicht, die im Schatten unserer Gesellschaft arbeiten, damit die Pizza am liebsten noch ofenwarm ins Haus geliefert wird. Ein zynischer Kommentar, der Bartmann zu Ohren gekommen ist: «Mein einziges Küchengerät? Das Telefon!» All das, was bei ihr auf den Tisch kommt, lässt sie sich liefern.

«Aber ich gebe ihnen doch Arbeit!»

«Wenn ich mir eine Putzfrau leiste, dann sorge ich für eine Erwerbsmöglichkeit. Was soll daran schlecht sein?», lautet oft der Tenor. Christoph Bartmann überzeugt dieses Argument nicht: Die Auftraggeber seien von Egoismus getrieben. Es gehe ihnen vor allem darum, anstatt Hausarbeit mehr «Quality-Time» zu haben und unliebsame Tätigkeiten an einen anderen abzutreten. Das Problem besteht darin, dass die Service-Kräfte, oft Migrantinnen und Migranten, in den einfachen Dienstleistungen feststecken. Diese seien oft prekär organisiert: Schlechte Absicherung, keine gewerkschaftliche Organisation, keine Lobby, keine Aufstiegschancen. Auf den ersten Blick seien solche Jobs gerade für junge Arbeitskräfte aufgrund der Flexibilität verlockend, aber die Chance entpuppt sich oft als Sackgasse.

Anonym und austauschbar

Taxi, Pizza, die neuen Turnschuhe – vieles kann heute im Internet oder via App mit einem Klick bestellt werden und wird innerhalb kürzester Zeit ins Haus geliefert. Der Kunde sieht nur das Ergebnis, wer im Hintergrund die Dienstleistungen ausführt und unter welchen Bedingungen das abläuft, bleibt unsichtbar. 

Die heutige Technologie treibt die Expansion der Dienstleistungsbranche voran und trägt gleichzeitig dazu bei, dass die Arbeitsbedingungen noch prekärer werden.

Menschen werden zu einer anonymen Ware, die jederzeit und völlig unbemerkt ausgetauscht werden kann – dies laut Bartmann ganz im Gegensatz zu Dienerinnen und Dienern in den letzten Jahrhunderten, als Auftraggeber und Dienstpersonal eine persönliche Beziehung gehabt haben und durchaus über Aufstiegschancen verfügten.

Faire Bedingungen

Dass in einer Zeit, in der sich Konsumenten sehr viele Gedanken über Ökologie oder den fairen Handel machen, aber kaum ein Bewusstsein für die Arbeitsbedingungen des Dienstleistungspersonals existiere, hält Bartmann für absurd. Was kann man als Einzelner unternehmen? Bartmann fordert eine Vergewerkschaftung und Vergenossenschaftlichung. Mit einer guten Bezahlung des Personals sei nicht alles gelöst. Die Gesellschaft müsse «herausfinden, in welchem Umfang die Lebenschancen für die Angestellten selbst realisiert sind». 

Bartmann formuliert dafür den Imperativ: «Beschäftige und bezahle Hausangestellte so, dass sie nicht gehindert sind, in ähnlicher Weise wie du ihre beruflichen und häuslichen Aufgaben und Wünsche zu erfüllen».

Text: Stephan Sigg, Pfarreiforum, Pfarrblatt im Bistum St. Gallen

Buchtipp

Angebot laufend

Christoph Bartmann
«Die Rückkehr der Diener – Das neue Bürgertum und sein Personal»
Hanser 2017
ISBN 978-3-446-25287-5