Schlusstakt

Stille

Kann man Stille lernen? Ja, indem man in sie eintaucht und sich ihr stellt. Dann lernt man auch beten.

Die Welt ist rau und hektisch geworden, die Musik laut, der Verkehrslärm an der Grenze des Erträglichen. Stille wäre jetzt schön. Nur: Wie finden?

Beim Zusammensein mit einem geliebten Menschen, wenn beredetes Schweigen mehr sagen kann als allzu viele Worte. Beim Bergsteigen oder auch der Wanderung über den Pfannenstiel. Aufrecht auf dem Kissen sitzend in der Zen-Meditation.

Einatmen – ausatmen, einatmen – aufatmen. Aufatmen.

Stille ist gut und tut gut. Sie macht frei und weit. Stille ist aber auch fordernd und tückisch. Kaum ist die Umwelt still, beginnt der Lärm im Kopf. Die Gedanken jagen sich. Die Worte und Widerworte. Und von tief unten steigen Ängste und Unsicherheiten auf.

Die Stille ist kein Ponyhof – vor allem nicht zu Beginn. Dann sind Geduld und Ausdauer gefragt – und Gelassenheit. Wiederholen, dranbleiben.

Und irgendwann, wenn die Stimmen im Kopf verstummt sind, blitzen sie auf, die Augenblicke tiefen Glücks und tiefer Freude. Sie werden länger, Frieden breitet sich aus. 

Ich beginne zu erkennen, wie es um mich steht und was in mir noch werden möchte. Und ich weiss mich mit allem, was mich umgibt, in einer allumfassenden Wirklichkeit verbunden. Die Hand, die mich trägt, lässt sich nicht in Worte fassen, sehr wohl aber in der Stille erfahren.

Rainer Maria Rilke drückt es in seinem Gedicht «Wenn es nur einmal stille wäre»* so aus:


Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.
Wenn das Zufällige und Ungefähre
verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen -:

Dann könnte ich in einem tausendfachen Gedanken
bis an deinen Rand dich denken

und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.

Beten, das wird in der Stille klar, heisst nicht in erster Linie reden. Beten heisst, still werden, da sein – und hören, was Gott mir zu sagen hat.

«Da Du schon alles weisst», schreibt der reformierte Pfarrer und Dichter Kurt Marti, «mag ich nicht beten, tief atme ich ein, lang atme ich aus, und siehe – Du lächelst.»

 

*Rainer Maria Rilke: «Gedichte». S.Fischer Verlag  2016.

Text: Pia Stadler