Editorial

Veränderung

«Veränderung» ist kein Qualitätslabel, sondern ein Naturgesetz.

Veränderung ist zunächst nichts weiter als der Lauf der Dinge – diese nüchterne Feststellung geht in vielen politischen Diskussionen vergessen. So unterschiedlich die Konstellationen in den USA, in England, in Frankreich und in Deutschland sind, immer scheinen im Zentrum nicht konkrete Programme zu stehen, sondern der Wunsch nach Veränderung. Ein diffuses und gleichzeitig druckvolles «Hauptsache: Veränderung!».

Ähnliches beobachte ich im Wirtschafts- und Arbeitsleben. Da wird umstrukturiert, restrukturiert und reformiert. Das macht auf mich vor allem den Eindruck von Aktivismus. Eine Scheindynamik, von der man sich erhofft, dass in der Nachfolge zu den Veränderungen auch noch die Lösungen auftauchen.

Im gesellschaftlichen wie im persönlichen, aber auch im kirchlichen Umfeld ist «Veränderung» zu einem Wert für sich geworden. Die Frage: Wohin führt die Veränderung? scheint nebensächlich geworden zu sein. Prozesse sind inzwischen anscheinend wichtiger als Ziele.

Wir sprechen zwar gerne von «Werten» – aber worin die genau bestehen, wie sie formuliert werden sollen und vor allem wie sie gelebt werden können, da bleiben wir diffus. Als ob uns die Kraft und der Mut fehlen würde, diese Debatten um Werte zu führen. Debatten, in denen es um konkrete Inhalte und nicht um Strukturen gehen wird. Debatten, in denen wir uns oft nicht verstehen werden. Debatten, die an unseren Nerven zehren. Debatten, die endlos sein werden, weil es keine endgültigen Antworten gibt.

Veränderung ist ein Naturgesetz und damit an sich neutral. Wir müssen uns allerdings der Frage stellen, welche Veränderungen wir mitsteuern können und wohin sie uns führen sollen. Auf diese Frage kennt niemand von uns die richtige Antwort. Und das wäre doch schon einmal ein sehr vielversprechender Startpunkt für die notwendige Debatte über unsere Werte.

Text: Thomas Binotto