Stolperstein

«Erbschuld»

«Die Väter haben saure Trauben gegessen und den Kindern wurden davon die Zähne stumpf.» – Diese Volksweisheit zitiert der Prophet Ezechiel und mahnt gleichzeitig, dass Gott Jahwe solches Denken ablehnt.

Genauso widerspricht später Jesus den Jüngern auf die Frage, ob jemand blind geboren wurde, weil seine Eltern gesündigt haben. Trotzdem lehrt der Apostel Paulus, dass die Ursünde durch die ersten Menschen in die Welt kam.

Ich kann zustimmen, dass die Versuchung zu egoistischem Handeln in der Natur des Menschen liegt. Und jeder wird heute durch Umweltzerstörung und ungerechte Verteilung des Reichtums in Verstrickungen hineingeboren, aus denen er sich kaum lösen kann.

Die «Erbsünde» hatte aber leider bei den Kirchenvätern noch eine andere Dimension: Augustinus lehrte, dass die Sünde von den Eltern auf die Kinder vererbt werde. So kam es später zur schrecklichen Lehre, dass sogar Neugeborene sündig und verloren wären, wenn sie ungetauft blieben.

Zum Glück hat sich die heutige Kirche und Theologie von diesen Vorstellungen verabschiedet. Doch interessanterweise begegnet uns in der Biologie der «Epigenetik» die Beobachtung von Vererbung neuerdings auf sehr greifbare Weise. In der Genetik geht es um unsere festgelegten vererbbaren Gene, also den DNA-Code.

Die Epigenetik hingegen ist die Lehre von der veränderlichen Aktivität der Gene durch Prozesse in den Zellen, die durch äussere Einflüsse entstehen. Aktuelle Versuche an Nagetieren belegen, dass eine Angsttraumatisierung, Sucht oder Hungersnot im Leben der Eltern sich auf die Kinder und sogar Enkel vererbt.

Auch bei Menschen scheint es, dass psychische Erkrankungen, Kriegserfahrungen, Fehlernährung oder Sucht sich sogar dann auf die Kinder übertragen, wenn dies vor der Schwangerschaft geschah.

Bereits vorher verändert sich die Epigenetik der Eltern entweder durch Ereignisse von aussen oder ihren Umgang mit der eigenen Psyche und dem Körper. Dieses Wissen ist sehr wichtig, um ungeborene Kinder so gut wie möglich zu schützen. Es hat sogar einen Aspekt von Schuld, wenn die Eltern sich und ihre zukünftigen Nachkommen gedankenlos schädigen.

Doch das ist für mich keine Frage der Strafe Gottes für deren Nachkommen. Ich denke, dass im Fall von struktureller und persönlicher Erbschuld gerade Gott um unsere Schwachheit weiss. Er möchte in Zusammenarbeit mit uns die Erlösung in unserem Leben trotz aller Unheilzusammenhänge erfahrbar machen.

Text: Michaele Madu, Pastoralassistentin Volketswil