Editorial

Erdbeben in Rom

Kardinal Gerhard Ludwig Müller erfährt am 30. Juni vom Papst, dass für ihn am 2. Juli keine zweite Amtszeit als Vorsteher der Glaubenskongregation beginnen wird. Das kommt einer fristlosen Entlassung gleich.

Sogar von «Säuberung» ist in einigen Kommentaren die Rede, weil der der Papst kurz zuvor bereits drei Mitarbeiter Müllers entlassen hatte.

Dieses Erdbeben im Vatikan hat sich allerdings schon länger angekündigt. Wiederholt liess Müller durchblicken, dass er sich als theologisches Korrektiv des Papstes sieht. Dass seine Glaubenskongregation dem Pontifikat Struktur und Form zu geben habe. Und nach «Amoris laetitia» distanzierte sich Müller gar öffentlich von seinem Chef. Dass der Papst solche Bevormundung und Illoyalität auf Dauer nicht tolerieren würde, war abzusehen.

In der Kurie herrscht ein Machtkampf. Das ist nun offensichtlich geworden. Papst Franziskus hat nicht nur viele Fans, er hat auch zahlreiche und teilweise mächtige Gegner. Die Entlassung Müllers bringt nun beide Lager in die Zwickmühle. Die Anhänger des konservativen Hardliners Müller werden in ihrer oft beschworenen Papsttreue herausgefordert. Und jene, die sich von Papst Franziskus ein liberaleres und demokratischeres Zeitalter des Katholizismus wünschen, müssen zur Kenntnis nehmen, dass Franziskus gewillt ist, seine Macht auch autoritär und gar nicht basisdemokratisch einzusetzen.

Papst Franziskus ist nicht nur der charismatische Weltumarmer. Er hat etwas vor mit der katholischen Kirche. Und er ist gewillt, dafür seine ganze Autorität als Papst einzusetzen und mit harten Massnahmen zu kämpfen. Es kann nichts schaden, wenn wir uns dazu durchringen über alle Lager hinweg gemeinsam dafür zu beten, dass es am Ende gut kommt…

Text: Thomas Binotto