Mail aus Abu Dhabi

Frömmigkeit

Martin Stewen macht in Abu Dhabi die Erfahrung, dass man Frömmigkeit ganz verschieden sehen kann – und sie nicht immer so tief greift, wie man das erwarten dürfte.

Vor einigen Tagen wurde ich von unserer Kommunikationsabteilung zu einem Casting aufgeboten – für einen Video-Clip über den rechten Empfang der Kommunion. Die Absicht dieses Clips, der in naher Zukunft für eine Weile in allen Kirchen des Vikariates gezeigt werden soll, kam mir doch etwas komisch vor. Aber: «Wir haben so viele Klagen über den Kommunionempfang der Gläubigen», bekam ich zu hören, «wir müssen was tun.» Und dann: «Bei euch in Europa gehen vielleicht nur wenige zur Messe, aber die wissen, was sie tun. Bei uns ist das anders.» So hatte ich es noch nie gesehen.

Ja, der betonte Ausdruck von Frömmigkeit ist hier in der Kirche was ganz Wichtiges. Die Messfeier am Wochenende ist selbstverständlich – in vielen Familien sogar der tägliche Messbesuch. Andachten sind überfüllt, die Schlangen vor dem Beichtstuhl lang. Es lassen sich innerhalb der Kultur- und Sprachgruppen wohl Unterschiede beobachten, aber tendenziell sieht es ganz anders aus als in der Schweiz oder in Deutschland. 

Dennoch hadere ich mehr und mehr mit meinen Beobachtungen. Wenn man nämlich mal an der Oberfläche kratzt, dann bekommt das schöne Bild ganz schön tiefe Risse. Die geistliche Reflexion selbst mit professionellen Katholiken ergibt oft mehr fromme Worte als tiefgründige Zeugnisse. Mir geht immer wieder das Matthäus-Wort nach: «Hütet euch, eure Gerechtigkeit vor den Menschen zur Schau zu stellen; sonst habt ihr keinen Lohn von eurem Vater im Himmel zu erwarten.» Und einmal mehr wird mir klar, dass man die Qualität einer Glaubensgemeinschaft nicht unbedingt nur an Aktionen und Aktivismus ablesen sollte.

Text: Martin Stewen

Angebot laufend

Martin Stewen (45) ist Priester der Diözese Chur und arbeitet seit 2015 im Apostolischen Vikariat Südarabien.