Auf Luthers Spuren

Im Reformationsland

Es gibt viele spannende Möglichkeiten, auf den Spuren der Reformation zu wandeln. Eine davon ist der Lutherweg in Sachsen-Anhalt. Ein Augenschein.

Raus aus der Stadt und runter zum Bach. Der Marktplatz ist menschenleer an diesem frühlingshaften Morgen im Mai. Martin Luther, Sohn dieser Stadt, schaut ernst, Bibel in der linken, zerknüllte Bannbulle in der rechten Hand. Ein fragender Blick auf die Pilgerkarte – und schon hält der junge Mann an und steigt vom Velo. «Ist dies nun bereits der Lutherweg?», erkundigen wir uns.

Der Marktplatz in Eisleben ist menschenleer an diesem frühlingshaften Morgen im Mai.

Der Marktplatz in Eisleben ist menschenleer an diesem frühlingshaften Morgen im Mai. Foto: Christoph Wider, forum

Das geschwungene L zeigt den Weg.

Das geschwungene L zeigt den Weg. Foto: Christoph Wider, forum

Luther-Statue im Geburtshaus in Eisleben.

Luther-Statue im Geburtshaus in Eisleben. Foto: Christoph Wider, forum

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Ein kurzes Zögern. «Im Grunde schon», sagt er, etwas unsicher. Wir bedanken uns, laufen dem ruhig dahinfliessenden, dunklen Wasser entgegen, weg von Eisleben. Durch ein Baumspalier führt der Weg, entlang dichter Hecken, hinter denen weisse Häuser schimmern. Vögel zwitschern, sonst ist es still. 

An der nächsten Weggabelung steht ein Schild mit grünem Schnörkel-L auf weissem Grund: das Symbol des Lutherwegs. Auf 410 Kilometern Wegstrecke führt der Pilger- und Wanderweg durch Sachsen-Anhalt und verbindet Orte, an denen man die Reformation und das Leben und Wirken Martin Luthers nachvollziehen kann.

Tags zuvor haben wir uns in Eisleben umgesehen. Der Kupferschieferbau bewog einst Luthers Eltern, hierherzuziehen. Im typisch bürgerlichen Wohnhaus, in dem Luther 1483 geboren wurde, tauchten wir ein in die Frömmigkeit des Mittelalters, in die Atmosphäre seines Elternhauses und das Fest seiner Taufe. Sie soll das wichtigste Ereignis gewesen sein, das er mit Eisleben verband. 

Den Taufstein allerdings fanden wir wenige Schritte entfernt in der spätgotischen Hallenkirche St. Peter und Paul. Im hellen, modern gestalteten Raum mit dem grossen, ebenerdigen Taufbrunnen hätten wir lange verweilen mögen. Doch dann drängte die Zeit, und so folgten wir den in die Strassen eingelassenen Lutherrosen hinauf zur St.-Andreas-Kirche, die sich mit ihrem mächtigen Glockenturm eindrucksvoll über dem Marktplatz erhebt. 

Auf der fast unversehrt erhaltenen Kanzel hielt der Reformator 1546 die letzten Predigten. Die Lutherrosen führten uns oberhalb des Marktes denn auch zu Luthers Sterbehaus. Es war später Nachmittag, als wir dort über Leben, Glauben und Tod nachdachten.

Der mdr war im Winter ebenfalls auf dem Lutherweg durch Sachsen-Anhalt unterwegs.

 

Wenige Monate nach Luthers Geburt zog die Familie nach Mansfeld, nordwestlich von Eisleben. Wir aber laufen gegen Osten, durch Felder, auf denen hypnotisierend gelber Raps und zartgrüner Jungweizen stehen, über einsame Waldwege, zwischendurch auch mal über Asphalt.

Bei Unterrissdorf erreichen wir die «Kalte Stelle». Der Platz mit der Sitzbank und einer kleinen Gedenktafel versprüht, neben der Landstrasse, nur wenig historischen Charme. Aber was war hier eigentlich passiert? Luther selbst beschreibt 1546, dass ihm bei «Rissdorf, hart vor Eisleben» ein kalter Wind in die Kutsche gefahren und das Hirn zu Eis gefroren sei. Seine Begleiter berichten von einem plötzlichen Schwächezustand des Reformators – Vorbote des Todes.

Auch wenn die Kälte dieser Schneise kaum zu spüren ist, wir wollen weiter, uns lockt der See. Der Süsse See, mitten in einem Naturschutzgebiet gelegen. Auf seinem Uferweg tummeln sich Wanderer und Radfahrer, am Wasser spielen Kinder. Motor- und Segelboote liegen vor Anker. Fünf Kilometer sind es dem See entlang bis zum Schloss Seeburg der Grafen von Mansfeld. Luther soll hier während des Bauernkrieges zu Gast gewesen sein.

Es ist Markt direkt am See, das Schloss spiegelt sich im Wasser. «Wo möchten Sie denn hin?» Eine ältere Dame im roten Mercedes kurbelt das Fenster runter. «Nach Halle.» «Dann steigen Sie ein.» Darf man unterwegs auf dem Lutherweg auch per Anhalter fahren? Wir dürfen, Blick und Geste zu sind zu einladend. 

Nicht über die Autobahn chauffiert die Fahrerin ihre Gäste, sondern der alten Landstrasse entlang, in gewundenen Kurven zwischen Obstbäumen, Reben und kleinen Häusern hindurch. «Damit ihr seht, wie schön unsere Landschaft hier im Osten ist. Na ja, abgesehen von den Spuren, die der Bergbau hinterlassen hat.» 

Wir sprechen von der Wende und den Veränderungen, die sie gebracht hat. Und wir zeigen uns beeindruckt von so viel Hilfsbereitschaft und Aufmerksamkeit. Eine Selbstverständlichkeit, antwortet die Dame: «Ein Relikt aus DDR-Zeiten. Da war gegenseitige Hilfe überlebensnotwendig.»

«Wir treffen uns beim Händel», lautet ein geflügeltes Wort in Halle.

«Wir treffen uns beim Händel», lautet ein geflügeltes Wort in Halle. Foto: Christoph Wider, forum

Pfarrerin Angelika Cyranka erklärt den Markplatz mit der Kirche «Unser Lieben Frauen», das Herz der Stadt Halle.

Pfarrerin Angelika Cyranka erklärt den Markplatz mit der Kirche «Unser Lieben Frauen», das Herz der Stadt Halle. Foto: Christoph Wider, forum

4 Taler und 16 Groschen in der Spendenbüchse bewogen den Theologen August Hermann Francke 1698 eine Schulstadt zu gründen, deren Reformen Luthers Ideen umsetzen.

4 Taler und 16 Groschen in der Spendenbüchse bewogen den Theologen August Hermann Francke 1698 eine Schulstadt zu gründen, deren Reformen Luthers Ideen umsetzen. Foto: Christoph Wider, forum

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«Wir treffen uns beim Händel», lautet ein geflügeltes Wort in Halle. Und genau dort stehen wir jetzt: bei der Bronzestatue des Musikers, der 1685 hier geboren wurde, und mitten auf dem Marktplatz mit seinen fünf Türmen. 

Der Rote Turm wurde von den Bewohnern der Stadt als Wahrzeichen ihres bürgerlichen Selbstbewusstseins erbaut. Die vier weiteren Türme gehören der Marktkirche «Unser Lieben Frauen», wo Luther 1545/1546 mehrmals gepredigt hat. Ein Relief an der Kirchenfassade erinnert an seine leidenschaftlichen Reden. 

Wir besichtigen die Originalkanzel und die Totenmaske Martin Luthers und schlendern anschliessend zur Marienbibliothek, um die älteste deutsche Lutherbibel (1534) mit einer originalen Widmungsschrift Martin Luthers zu bestaunen.

Luthers Wirkung erleben wir in den Franckeschen Stiftungen. 4 Taler und 16 Groschen in der Spendenbüchse bewogen den Theologen August Hermann Francke 1698 eine Schulstadt zu gründen, deren Reformen Luthers Ideen umsetzen und von Franckes Schülern bis nach Indien und Nordamerika getragen wurden. 

Über die stiftungseigene Druckerei wurde die Luther-Bibel in 30 Sprachen millionenfach in die ganze Welt versandt. Es ist fast ein Wunder, dass dieses Ensemble mit dem grössten Fachwerkwohnhaus Europas die jahrzehntelange Vernachlässigung während der DDR-Zeit überstanden hat. Noch heute gibt es hier Bildung für alle, vom Kindergarten bis zum Seniorenkolleg. Dazu Museen und viel Handwerk.

Es gäbe noch viel zu entdecken in Halle, das Händel-Haus zum Beispiel oder das Beatles-Museum. Doch wir müssen weiter. Eine letzte Halloren-Kugel aus der ältesten Schokoladenfabrik Deutschlands jedoch darf’s schon noch sein.

Wörlitzer Park, ein kleiner Garten Eden.

Wörlitzer Park, ein kleiner Garten Eden. Foto: Christoph Wider, forum

Auf Luthers-Spuren kann es auch ganz einfach idyllisch sein.

Auf Luthers-Spuren kann es auch ganz einfach idyllisch sein. Foto: Christoph Wider, forum

Der Wörlitzersee mit seiner Weite ist ein besonderer Genuss.

Der Wörlitzersee mit seiner Weite ist ein besonderer Genuss. Foto: Christoph Wider, forum

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Dass der Lutherweg nicht nur aus theologischer und historischer, sondern auch künstlerischer Sicht viel zu bieten hat, sehen wir auch in Dessau. Vor uns leuchten die weissen Fassaden der Meisterhäuser, einst von Künstlern wie Wassily Kandinsky, Paul Klee und Ludwig Mies van der Rohe bewohnt. 

Wenige Schritte entfernt stossen wir auf das Bauhaus, das wie kaum ein anderes Gebäude für die «Moderne» steht und in den Zwanziger- und Dreissigerjahren Sitz der gleichnamigen Schule war. Die riesige Glasvorhangfassade des Werkstattflügels zieht uns magisch an. Eine Stunde nur. Dann wenden wir uns in der St.-Johannis-Kirche mit ihren Cranachbildern wieder der Lutherzeit zu.

Endlich: die Elbe, wie ein blaues Band zieht sie sich durch Sachsen-Anhalt. In grossem Bogen führt sie uns aus Dessau-Rosslau heraus, mitten ins Biosphärenreservat Mittelelbe und Gartenreich Dessau-Wörlitz. Stundenlang wandern wir über Auenwiesen und durch Hartholzauenwälder, halten nach Biberspuren Ausschau oder entspannen zwischen duftenden Blumen in herrlichen Schloss- und Parkanlagen nach englischer Gartenbaukunst. 

Wir geniessen die Weite und erreichen den Wörlitzer See mit seinem Schloss und vielen kleineren Bauwerken. Im Gotischen Haus stos-sen wir unverhofft auf Masswerkfenster mit Standesscheiben der Alten Eidgenossenschaft aus einer Zürcher Werkstatt. Ein kleiner Garten Eden, in dem wir uns eine Gondelfahrt gönnen, bevor wir den Rucksack wieder packen und dem Fluss entlang Richtung Coswig wandern.

In St. Marien in Wittenberg fand 1521 der erste evangelische Gottesdienst statt.

In St. Marien in Wittenberg fand 1521 der erste evangelische Gottesdienst statt. Foto: Christoph Wider, forum

Wittenberg mit seiner Schlosskirche…

Wittenberg mit seiner Schlosskirche… Foto: Christoph Wider, forum

an deren Türe Luther seine Thesen angeschlagen haben soll.

an deren Türe Luther seine Thesen angeschlagen haben soll. Foto: Christoph Wider

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Und dann gelangen wir ins Zentrum des Geschehens, nach Wittenberg. Zusammen mit zehntausenden anderen Menschen aus aller Welt, die sich mit uns um die Türe der Schlosskirche von Wittenberg drängeln. An dieses Portal soll Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen genagelt haben. So will es die Legende.  Sicher ist, dass Luther seine Thesen an Albrecht, Erzbischof von Brandenburg, schickte. Er wollte sie wissenschaftlich diskutiert wissen. Sicher ist auch, dass die Welt danach eine andere wurde. Die mittelalterliche Welt war in Frage gestellt, der Aufbruch in die Moderne begründet.

«Eine feste Burg ist unser Gott» prangt in grossen Lettern auf dem Kirchenturm. Vielerorts sind die letzten Bauarbeiten für der Weltausstellung «Tore der Freiheit» im Gange. Die Stadt feiert ihren Reformator. 

Unser Spaziergang führt von der Thesentür über den Markt hinunter zur Luther-Eiche, wo Martin Luther 1520 die Bannandrohungsbulle des Papstes Leo X. und Bücher des römischen Kirchenrechts verbrannt haben soll. 

Unterwegs treten wir ein ins Lutherhaus, das über 35 Jahre lang die Hauptwirkungsstätte Martin Luthers war. Hier verfasste er seine berühmten Schriften. Das Wohnzimmer der Familie Luther ist original erhalten. Etwas abseits steht die Stadtkirche St. Marien, die Mutterkirche der Reformation, in der Luther mehr als 2000 Predigten gehalten hat und mit Katharina von Bora getraut worden ist.

Panorama «Luther 1517», Beitrag der Deutschen Welle DW

 

Die ganze Stadt spricht Luther. Auch das Panorama «Luther 1517» von Yadegar Asisi, ein Riesenrundbild, das uns auf eine Zeitreise in das Wittenberg vor 500 Jahren nimmt. Von der Aussichtsplattform blicken wir ins Geschehen zwischen Schlosskirche, Stadttor, Propstei und der Amtsmühle mit Stadtkirche. Es wird Nacht und wieder Tag. 

Der Reformator ist in verschiedenen Lebensaltern zu entdecken. Zu ihm gesellen sich Friedrich der Weise, Philipp Melanchthon, Lucas Cranach und Katarina von Bora, aber auch anonyme Bürger, Adlige, Handwerker und Bauern. Von Ferne sind Hammerschläge an die Türe der Schlosskirche zu hören. Kein Zweifel: Wir sind bei Luther angekommen.

Text: Pia Stadler

Angebot laufend

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Der Lutherweg Sachsen-Anhalt

Zwischen den Lutherstädten Eisleben, Mansfeld und Wittenberg verläuft der Lutherweg Sachsen-Anhalt. Er ist Teil des Lutherwegs in Deutschland, der auch durch die Bundesländer Sachsen, Thüringen, Bayern und Hessen führt.

Ein Pilgerweg im klassischen Sinn ist er nicht. Vielmehr führt er Pilger, Wanderer, Velofahrer und Besucher über 410 Kilometer zu den Wirkungsstätten Martin Luthers und zu rund 20 Orten, die mit der Reformation in Verbindung stehen.

Zur Orientierung helfen das Logo , die App «Naturfreunde Sachsen-Anhalt» sowie der Führer «Wandern und Pilgern auf dem Lutherweg in Sachsen-Anhalt».

Bezug: info@lutherweg-gesellschaft.de

Angebot laufend

Die Reise wurde planerisch und finanziell unterstützt von Deutschland Tourismus in Zürich.

www.germany.travel