Narrenschiff

Leuchtturm-Mamis

«Ich bin dann mal weg!» – So unbürokratisch ging das, wenn ich als Primarschüler meinen Mittwochnachmittag plante. Unsere Mutter wollte dann jeweils noch wissen, wohin ich ungefähr zu gehen gedachte und mit wem. Dann hiess es: «Um sechs bist du wieder zu Hause, dann gibt’s Essen.»

Wir sind in den Wald gegangen. Auf den Sportplatz. An den See. In eine stillgelegte Kiesgrube. Oder auf Rollschuhen über die Landstrasse von Dorf zu Dorf. Nicht alles war ungefährlich. Und auch nicht alles erlaubt. Aber wenn ich um sechs Uhr einigermassen unbeschadet auftauchte und später keine Klagen aus dem Dorf eingingen, dann hiess es am nächsten freien Nachmittag wieder: «Ich bin dann mal weg!»

Mir wird erst heute bewusst, welche Freiheiten wir als Kinder genossen haben. Schon als Schulkinder streiften wir ohne erwachsene Begleitung durch Dorf und Landschaft. Handys gab es keine. Helikopter auch nicht. Und so konnten wir uns früh Räume erobern, die nicht von Erwachsenen gestaltet, besetzt und kontrolliert wurden.

Als Vierzehnjähriger habe ich mich mit einem Schulfreund gleich für ein paar Tage abgemeldet. Wir wollten mit Sack und Pack das Toggenburg hochwandern und dann auf der anderen Seite der Churfirsten dem Walensee entlang nach Quinten.

Wir hatten natürlich viel zu schwere Rucksäcke dabei, sodass wir kurz nach Wattwil bereits auf dem Zahnfleisch gingen. Dann haben wir nachts irgendwo im Wald notdürftig unser Zelt aufgeschlagen. Aber schliesslich haben wir uns bis zu meiner Grossmutter nach Quinten durchgeschlagen.

Wir waren nie ein Projekt unserer Mutter und sie nicht unser Helikoptermami. Sie hat sich nicht verantwortlich gefühlt, uns zu bespassen. Wenn es uns langweilig war, hat sie uns langweilig sein lassen. Bis wir selbst auf Ideen kamen. Sie stand ganz ungeniert dazu, dass für sie eine der wichtigsten Aufgaben der Schule darin bestand, ihr die Kinder für ein paar Stunden vom Leib zu halten.

Wir wurden auch nicht leistungsgefördert. Deshalb hatten wir Freizeit en masse. In dieser Freizeit habe ich Bibliotheken leer gelesen; habe alle, die sich nicht rechtzeitig retten konnten, in endlose Diskussionen verwickelt; und am Ende konnte ich sogar mein Zimmer ordentlich halten, kochen, bügeln, Schuhe putzen und meinem kleinen Bruder die Windeln wechseln.

Wäre ich heute Kind, ich würde mich darum beneiden, dass wir ein Leuchtturm-Mami haben durften. Eine Mutter, die nicht nervös über uns kreiste, sondern verlässlich und ruhig Orientierung bot. Die uns etwas zutraute und von uns Initiative wie Selbstverantwortung erwartete. Die uns weder abgöttisch liebte, noch ein Hotel «Mama» einrichtete. Und die uns schliesslich vertrauensvoll ins Leben entliess.

Text: Thomas Binotto