«Dialoge en route»

Los geht's: Kennenlernen!

Es geht ums Fragenstellen. Mit Neugierde und ohne Vorurteile auf andere Menschen zugehen. Kennenlernen. Das hat mich an der Velotour mit anderen jungen «Guides» des Projektes «Dialogue en Route» am meisten beeindruckt.

An zwei Tagen radelte ich mit der Gruppe von «Dialogue en Route» durch die Ostschweiz. Im Städtchen Ilanz liefen wir wie fragende Kinder mit einer tragbaren Wandtafel und Stift umher und sammelten Fragen zu Religion und Zusammenleben der Kulturen.

Denn dabei geht es im Projekt: Um’s Fragenstellen und Kennenlernen. Durch die Fragen, welche wir von den Leuten erhielten, kam man ins Gespräch: Soll die schweizerische Präambel überhaupt noch christlich sein? Wie weit sollen wir uns anpassen, ohne die eigene Identität zu verlieren? Wie geht echtes Zusammenleben?

Von Ilanz ging es nach Chur, zur eritreisch-orthodoxen Kirchgemeinde. Bei eritreischem Fladenbrot und verschiedenen Gemüse- und Fleischsaucen (die jungen Frauen und Männer aus Eritrea assen alle vegan, da sie fasteten) kam man ins Gespräch. 

Wie es dazu kam, dass wir nach zwei Stunden am Tisch unter Gelächter versuchten, zusammen die zehn Gebote in der richtigen Reihenfolge aufzuzählen, weiss ich nicht mehr. Genauso wenig, wie wir auf die Idee kamen, mit den eritreischen Männern über die Vor- und Nachteile unseres Alters zu diskutieren. Was ich weiss, ist, dass sich hier Menschen begegneten und zusammen lachten, die sich sonst am Bahnhof nicht grüssen würden.

Nachdem wir bei einer eritreischen Familie der Kirchgemeinde zu sechst übernachtet hatten (und wohlgemerkt mit süssem Ingwer-Kaffee-Duft geweckt wurden), ging es weiter nach Hohenems in Österreich. In der Stadt, in der im zweiten Weltkrieg etliche österreichische Juden versuchten, über den alten Rhein in die Schweiz zu kommen, eröffneten wir eine der Stationen des «Dialogue en Route»-Projektes zum Thema «Flucht». 

Es war beeindruckend, die Geschichten der damaligen Flüchtlinge zu hören, welche – aufgenommen auf einem Tonband – an Schlüsselstellen direkt am Rhein abgespielt wurden. Auch die Erzählungen der schweizerischen Grenzwächter haben keinen von uns kalt gelassen und mich zumindest tief berührt. 

Nach einem Besuch bei der Grüninger-Brücke machten wir uns dann mit dem Velo weiter auf den Weg nach Altstätten SG, wo wir beim serbischen Kulturverein gleich ein Gläschen Schnaps in die Hand gedrückt bekamen und – ehe wirs uns versahen – uns inmitten eines serbischen traditionellen Tanzes befanden. Drei Schritte links, drei Schritte rechts.

Die zwei Tage auf der Velotour haben mich persönlich ermutigt, auf verschiedenste Menschen – mögen sie noch so anders scheinen – zuzugehen, ohne mich von meinen Vorurteilen leiten zu lassen. Auch unter den Guides herrschte eine offene, familiäre Atmosphäre mit viel Gelächter. Ich werde dieses zweitägige Abenteuer und die Menschen, denen wir begegneten, auf jeden Fall nicht so schnell vergessen.

Text: Luana Nava, freie Journalistin