Stolpersteine

«Martyrium»

Märtyrer auf hohe Podest zu stellen, kann auch ein Versuch sein, sie als Herausforderung für uns Normalsterbliche auf Distanz zu halten.

Knut, Erich und Olaf – diese drei Namen standen kürzlich im Kalender. Ich weiss nichts über diese drei Könige aus skandinavischen Ländern und auch dem Kalender ist keine weitere Information zu entnehmen – ausser, dass sie das Martyrium erlitten hatten. Diese Begründung von Heiligkeit löst in mir ein zwiespältiges Gefühl aus: einerseits Hochachtung – andererseits Unbehagen.

Hochachtung habe ich vor der Standfestigkeit und Unbeirrbarkeit der genannten Glaubensgeschwister. Sie gehören sicher nicht zu denjenigen Heiligen, die bei uns in Mitteleuropa besonders verehrt werden. Und obwohl wir keinen grossen Bezug zu ihnen haben, ist es sinnvoll, dass wir uns an sie erinnern, denn ihr Gedenktag macht uns zweierlei bewusst:

Erstens, dass zu allen Zeiten und Orten Menschen für den christlichen Glauben und im christlichen Glauben gelebt haben. Das relativiert unser oft sehr kleinräumig geprägtes Verständnis von Christentum und gleichzeitig lässt es uns Anteil haben an einer weltweiten Gemeinschaft.

Zweitens machen uns solche Gedenktage aber auch bewusst, dass zu allen Zeiten und Orten Menschen für ihren christlichen Glauben nicht nur gelebt haben, sondern auch für ihn gestorben sind – bis heute. Für uns, die wir nicht von Christenverfolgung betroffen sind, ist die Frage wie ein Stachel im Fleisch: Wäre unser Glaube uns ebenso wichtig, dass wir uns im Ernstfall für ihn entscheiden würden – gegen unser Leben?

Und genau damit hängt mein Unbehagen zusammen: Halten wir mit der Märtyrerverehrung diese Frage nicht gerade auf Distanz? Es ist einfacher, den Gedenktag eines Heiligen zu begehen, als sich von ihm ganz existenziell in Frage stellen zu lassen.

Ein Märtyrer ist ein Stein des Anstosses – ein Stolperstein eben. Ein Glaube, für den man sterben kann, geht über das reine Fürwahrhalten von Glaubenssätzen hinaus. Er durchdringt das ganze Leben. Er stiftet Identität, die verloren ginge, wenn man ihn verleugnete. Leben wir die Beziehung zu Gott so, dass wir in der Verleugnung dieser Beziehung uns selbst verlieren würden, bis zum Gefühl, lebendig tot zu sein?

Als Christinnen und Christen sind wir alle zum Martyrium berufen. Denn Martyrium heisst zuerst nichts anderes als «Zeugnis, Zeugenschaft». Erst später wurde dieser Begriff für die Blutzeugen reserviert. 

In Taufe und Firmung bejahen wir, dass Gottes Geist uns durchformt. Wie zeigt sich unsere geistvolle Identität im Alltag, in unserem Denken, Reden und Handeln?

Text: Alexandra Dosch, Diözesane Fortbildungsbeauftragte