Interreligiöser Dialog

Religiöse Vielfalt entdecken

Im Projekt «Dialogue en Route» engagieren sich junge Menschen in Kirchen, Moscheen und Tempeln. Mit einer Velotour quer durch die Ostschweiz nach Zürich haben sie sich darauf vorbereitet.

In der Schweiz leben Menschen ganz unterschiedlicher Weltanschauungen und Religionen. Doch wer kennt schon die muslimischen Feste, die die Arbeitskollegin jedes Jahr feiert? Wer weiss, wie sich sein hinduistischer Nachbar die Welt vorstellt? 

Die Interreligiöse Arbeitsgemeinschaft in der Schweiz IRAS COTIS möchte mit ihrem Projekt «Dialogue en Route» dazu beitragen, dass ein Austausch unter den Religionen stattfindet, dass vor allem junge Menschen sich für Glaubensfragen interessieren und in ihrer Dialogkompetenz gestärkt werden. 

Ziel ist es, Vorurteilen, Misstrauen und jeglicher Form von Fundamentalismus den Boden zu entziehen und somit ein friedliches Zusammenleben zu ermöglichen.

Glauben ganz praktisch

Die Idee des Projektes «Dialogue en Route» ist, dass man sich an ausgewählten religiösen Stätten und Kulturorten mit sogenannten «Guides» trifft, um dort mehr über eine Glaubensrichtung oder eine Idee zu erfahren und sich darüber auszutauschen. Als Guides haben sich junge Menschen mit jüdischem, christlichem, muslimischem, hinduistischem, buddhistischem und auch nichtreligiösem Hintergrund zur Verfügung gestellt und ausbilden lassen.

Die Guides zusammen mit Bruder Martin Hieronymi vom Benediktinerkloster Disentis vor dem Kloster.

Die Guides zusammen mit Bruder Martin Hieronymi vom Benediktinerkloster Disentis vor dem Kloster. Foto: Dialogue en Route/zvg

Die hinduistische Guide Abirami Raghupathy, zusammen mit Mahinta Sellathurai und Annina Schlatter, den Guideskoordinatorinnen, am grossen Tempelfest des Schiwa-Tempels in Glattbrugg.

Die hinduistische Guide Abirami Raghupathy, zusammen mit Mahinta Sellathurai und Annina Schlatter, den Guideskoordinatorinnen, am grossen Tempelfest des Schiwa-Tempels in Glattbrugg. Foto: Dialogue en Route/zvg

Die Guides erhalten vom Abt des Klösterlichen Tibet-Institut Rikon Geshe Thupten Legmen eine tibetische Glücksschleife.

Die Guides erhalten vom Abt des Klösterlichen Tibet-Institut Rikon Geshe Thupten Legmen eine tibetische Glücksschleife. Foto: Dialogue en Route/zvg

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«Im Unterschied zu herkömmlichen Führungen, wo ein Priester oder Imam den Glauben eher aus einer theoretischen, dogmatischen Perspektive darstellt, steht bei unserem Projekt mehr die glaubenspraktische Ebene im Vordergrund: Junge Menschen bringen ein, was ihnen ihr Glaube bedeutet und wie sie ihn konkret leben», sagt Moira Grieger, Kommunikationsbeauftragte für «Dialogue en Route». 

Neben den Treffen an verschiedenen Stationen könne man sich auch auf thematische Routen begeben, die über religiöse und gesellschaftlich relevante Fragen informieren. Es gebe auch Angebote, die ohne Guides geplant seien.

Von der Kathedrale zum Schiwa-Tempel

Die ersten Stationen und Routen des Projektes wurden in der Ostschweiz und rund um Zürich eingerichtet. Nun soll dieser Teil seiner Bestimmung übergeben werden. Dazu besuchten die Guides vom 25. Juni bis 2. Juli die entsprechenden Orte mit dem Velo und verbanden diese Besuche mit kleinen Aktionen.

Die Velotour begann mit einem Abendessen bei den Benediktinern im Kloster Disentis und führte dann über Ilanz, Chur und Hohenems nach Altstätten, wo die Teilnehmenden vom serbischen Kulturverein in den traditionellen Volkstanz eingeführt wurden. In St. Gallen fanden unter anderem ein interreligiöses Morgengebet in der Haldenkirche und Führungen in der Kathedrale und der Stiftsbibliothek statt.

Filmbeitrag von «reformiert.»

Am 29. Juni erreichte die Gruppe die Station «Albanische Moschee Kreuzlingen», die mit einer Führung und einem Grillfest eröffnet wurde. Einen Tag später erlebten die Jugendlichen das klösterliche Ambiente der Kartause 
Ittingen. Über Rikon (Tibet-Institut) und Schlieren (Schiwa-Tempel) führte der Weg nach Opfikon ans Wagenfest des Schiwa-Tempels. Im Krishna-Tempel auf dem Zürichberg nahmen die Guides an einer Tempelzeremonie teil. Beendet wurde die Eröffnungstour mit einem Streifzug durch Zürich zu religiös bedeutsamen Orten der Stadt und einem Fest im Toni-Areal.

Nicht nur für Schüler

Das Projekt «Dialogue en Route» wurde zum einen für Schulklassen konzipiert. «Wir verstehen es als Beitrag zum ausserschulischen Lernen, das im Lehrplan 21 für das Fach ‹Religion und Kultur› angeregt wird», erklärt Moira Grieger. 

Zum anderen sind aber auch Erwachsene – in Gruppen oder als Einzelpersonen – eingeladen, an den Stationen und Routen verschiedene Formen von Religion und Weltanschauung zu erleben und darüber ins Gespräch zu kommen. 

Das Angebot in der Kartause Ittingen ist mit dem Titel «Gemeinsam still» überschrieben.Angeregt durch das Schweigen der ehemaligen Kartäusermönche können Besucherinnen und Besucher dort eine Schweigemeditation erleben und sich über Stille und ihr Kommunizieren Gedanken machen. 

Die Moschee in Kreuzlingen bietet die Möglichkeit, mehr über die Grundlagen des Islam zu erfahren, an einem Gebet teilzunehmen und sich mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen der Albanisch-Islamischen Gemeinschaft über Perspektiven von Integration auszutauschen.

Weitere Stationen

Die Vorbereitungen für das umfangreiche Projekt laufen schon seit 2014. Zusammen mit den jungen Guides wurden die Angebote an den Stationen und auf den Routen nach und nach entwickelt. Nun wird der erste Teil von «Dialogue en Route» in der Ostschweiz und Zürich eröffnet. 2018 sollen weitere Angebote in der Zentral- und Nordwestschweiz und im Tessin folgen. Und noch ein Jahr später wird das Projekt auf das Mittelland und die Region um den Genfer See ausgedehnt. Das von IRAS COTIS lancierte Projekt wird von den Vertretungen der grossen Religionen wie der Schweizer Bischofskonferenz SBK, dem Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund SEK, der Föderation Islamischer Dachorganisationen der Schweiz FIDS und dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund SIG unterstützt.

Text: Detlef Kissner, forumKirche