Stolpersteine

«Gerechtigkeit»

Die Zürcher Gerechtigkeitsgasse macht ihrem Namen alle Ehre: In der Hausnummer 5 gibt es die Wohngemeinschaft «Suneboge», die 36 Frauen und Männern eine Wohnung und einen Arbeitsplatz zur Verfügung stellt.

Das Angebot richtet sich an Suchtkranke und an Menschen, die Mühe haben, sich sozial zu integrieren. Dass die Gerechtigkeitsgasse parallel zur Friedensgasse verläuft, ist der Reformationszeit geschuldet: Wie heisst es doch in Ps 85,10 so schön: «Gnade und Treue begegnen einander, Gerechtigkeit und Friede küssen sich.» 

Die Bibel durchzieht das Thema Gerechtigkeit wie ein roter Faden. Darin ist Gerechtigkeit gleichzeitig Geschenk Gottes und Auftrag an den Menschen. Dass Paulus im Römerbrief schreibt «Der aus Glauben Gerechte wird leben» (Röm 1,16f.), war Luthers «reformatorische Entdeckung»: Danach schenkt Gott seine Gerechtigkeit allen Menschen als sein Heil, einzige Voraussetzung dafür ist der Glaube an Jesus Christus

Gerade 2017, im Jahr der Reformationsjubiläen, könnte das Anliegen der Gerechtigkeit eine besondere ökumenische Kraft gewinnen: Denn einerseits kreist das reformatorische Denken immer um den Gedanken der Freiheit. Andererseits braucht Freiheit Voraussetzungen, nämlich eine Gesellschaft, die Chancengleichheit und soziale Gerechtigkeit bereitstellt. Gerade in Zeiten, in denen die soziale Schere immer weiter auseinandergeht, droht Freiheit ohne Voraussetzungen zur Floskel zu verkommen, wenn nicht auch für Gerechtigkeit gesorgt wird. 

Als Effekt des Reformationsjubiläums könnte ich mir gut vorstellen, dass die Kirchen ihre ökumenische Aufgabe noch stärker wahrnehmen, mit prophetischer Stimme soziale Gerechtigkeit einzufordern. Theologie wird damit politisch, aber auch das ist ihre Aufgabe. Erzbischof Oscar Romero und andere Propheten unserer Tage haben darauf aufmerksam gemacht, dass die Kirchen sich nicht in fromme Nischen zurückziehen dürfen. Vielmehr ist es ihre Aufgabe, Gerechtigkeit im Namen Gottes einzuklagen, wo immer diese gefährdet ist.     

«Solange es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Strasse zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht, ist das Exklusion und ungerecht», schreibt Papst Franziskus in seiner Enzyklika Evangelii Gaudium (Nr. 53). Damit ist die prophetische Aufgabe der Kirche auf den Punkt gebracht. Den Bewohnern der Zürcher Gerechtigkeitsgasse 5 werden diese päpstlichen Worte sicher gefallen.       

Text: Christian Cebulj Professor für Religionspädagogik & Katechetik THC