«Fresh Expressions»

Leben wächst - auch in Kirchen

Religiöse Erfahrungen verändern Menschen und Kirchen. Beides interessiert die reformierte Pfarrerin Sabrina Müller, Leiterin «Fresh Expressions of Church». Schweiz..

Ihr Balkon ist voller Blumen, Gemüse und Kräuter. Dank einem vertikalen Pflanzensystem spriesst es auch der ganzen Wand entlang. Sabrina Müller liebt das Leben, so, wie es eben wächst. Nicht nur auf dem Balkon oder in der Natur, wo sie mit ihren drei Hunden joggen geht, sondern auch in der Kirche. Die reformierte Pfarrerin schreibt in ihrer Habilitation am Zentrum für Kirchenentwicklung der Universität Zürich, was es mit religiöser Erfahrung und Transformationsprozessen auf sich hat. 

«Ich forsche ethnografisch, gehe in den Kontext, rede mit den Menschen», sagt sie dazu. «Ich entwickle Theologie induktiv, von unten, aus der Erfahrung.» Genau das will die Bewegung «Fresh Expressions of Church»: zeigen, wo in den Kirchen Neues wächst. «Es geht darum, die gelebte Theologie der Menschen wahr- und ernstzunehmen und daraus kirchliches Handeln abzuleiten», erklärt Sabrina Müller.

In den USA erlebte sie in einer «Megachurch» von 25 000 Leuten nicht nur den sonntäglichen Gross-Event, sondern Teams von Freiwilligen, die sich im Alltag für die Gemeinschaft engagieren. In England begegnete die neugierige Pfarrerin bereits gut entwickelten «Fresh Expressions of Church»: Menschen, die sich nicht in Kirchenräumen, sondern in Kaffees, Schulen, am Arbeitsplatz oder in Wohnquartieren treffen, miteinander den Glauben und das Leben teilen. «Seit 2004 werden diese als eigenständige Gemeinden anerkannt», sagt Sabrina Müller. «Die anglikanische Kirche verwirklicht das ‹mixed economy›-Modell: herkömmliche Pfarreien und neue Gemeinschaften werden als gleichwertig anerkannt und ermutigt, sich zu ergänzen und zu bereichern.»

Religiöse Erfahrung ist für Sabrina Müller auch persönlich zentral. In einer atheistisch-agnostischen Familie aufgewachsen, bestand ihre Form von jugendlicher Rebellion darin, die Sonntagsschule und den Konfirmations-Unterricht zu besuchen – «weil ich gut mit dem Pfarrer diskutieren konnte». 

Im Konfirmationslager dann plötzlich eine tiefe Berührung: Was, wenn es Gott doch gäbe? Verschiedene weitere Begebenheiten brachten sie dann dazu, nicht wie geplant Wirtschaft, sondern Theologie zu studieren: «Seither sind mein Job und meine Forschung meine Leidenschaft», sagt sie. Und als Hobby engagiert sie sich für «Fresch Expressions of Church» – auch in der Schweiz.

Text: Beatrix Ledergerber-Baumer